Flandern 2022

Außer Hunger und Durscht koa Gefühl – Flandern 2022

Als wir am Samstag früh um 7 Uhr den offiziellen Start um 2-3 Minuten verpasst hatten, war mir eigentlich schon klar, was gleich passieren wird. Ab Kurve 1 war das „Rennen“, das ja eigentlich keines war, eröffnet.

Aber alles der Reihe nach. Nach 2018 wollten wir nach den zweimaligen Corona bedingten Ausfällen wieder die Jedermann RTF der Flandernrundfahrt unter die Räder nehmen. Auch damals war es bereits ein schöner Start in die Radsportsaison was sich auch dieses Mal bewahrheiten sollte. Unsere Gruppe setzte sich aus den Ingolstädtern und den Waldlern zusammen. Leider gab es im Vorlauf der Anreise ein paar krankheitsbedingte Ausfälle, so dass schlussendlich Holger, Brunni, Alex, Sebastian sowie Tom, Illo und Hanse in Oudenaarde am Start standen. Warum Oudenaarde und nicht Antwerpen? Der Startpunkt für die große Runde sollte doch Antwerpen sein… Aufgrund Schneefalls am Freitag und Temperaturen um den Gefrierpunkt schwenkten wir um und nahmen die 180km Runde in Angriff. Zumindest wären es eigentlich 180km gewesen.

Die Navigationsexperten oben am Koppenberg – hier bei der zweiten Überfahrt

Leider verpasste aber der 5-er Zug, bestehend aus Sebastian „der Bär“, Holger, Alex, Hanse und Illo bereits nach kurzer Zeit eine Abzweigung. Man munkelt es lag an der Geschwindigkeit und dem Tunnelblick. Spätestens als wir uns mitten im Koppenberg, dem mit 22% Steigung schwersten aller Anstiege befanden, der eigentlich erst zu Ende der Runde auf uns warten sollte, war klar, dass hier etwas nicht ganz korrekt war. Dank moderner Technik fanden wir aber über einen kleinen Umweg zurück zur Strecke und die wilde Fahrt ging weiter. Irgendwann wagte ich einen Blick auf die Zahlen meines Leistungsmessers. Die Werte nach 90 Minuten versprachen nichts Gutes. Ich sah mich schon den Paterberg hinaufkriechen und versuchte mich einfach gut zu verpflegen und den Flandern-Express zu genießen.

Alex und Sebastian am Koppenberg – mit 22% eine echte Herausforderung

Jeder kennt die Kopfsteinpflasterpassagen aus dem Fernsehen. Wenn man sie aber persönlich gefahren ist, kann man wesentlich besser einschätzen wie kräftezehrend vor allem die Anstiege sind. Spätestens an der Mauer von Geraardsbergen, auch Kapelmuur genannt kam absolute Klassikerstimmung auf. Holger sprach an der Stelle von „heiligem Boden“ – dem ist aus Radsportsicht nichts hinzuzufügen. An der Verpflegung kurz nach der Kapelle mit der markanten Kuppel von Geraardsbergen spürte man aber sofort wieder den kalten Wind, der von Stunde zu Stunde zunehmen sollte. Aber kaum waren wir unterwegs, spürte man von der frostigen Kälte nichts mehr, da eigentlich ununterbrochen ordentlich Zug auf der Kette war.

Oben an der Kapelmur

Durch unseren Navigationsfehler am Morgen holten wir im Laufe der Strecke Tom und Brunni wieder ein. Letzteren in der Verpflegung vor dem Koppenberg, den die Helden der Nation dann ja bereits zum zweiten Mal in Angriff nehmen sollten. Die Ermüdung war schon etwas zu spüren – die 22% Maximalsteigung ließen sich etwas zäher treten als noch am Morgen aber schlussendlich passierten wir alle einen der härtesten Hügel der Rundfahrt.

Thomas “van” Brunnegger am Koppenberg
Die wilden 10 Minuten:

Eine alte Klassikerregel besagt: Tritt der Bär 800 Watt, wird das Kopfsteinpflaster plötzlich glatt. Naja, 800 Watt waren es zwar tatsächlich nicht ganz aber gefühlt ging es eher Richtung 8000 Watt, mit denen unser Zugtier Sebastian in die Mariaborrestraat hineindonnerte. Scheinbar schien uns jetzt endgültig der Hafer zu stechen denn auch die nächsten beiden Segmente waren doch äußerst flott. Nach der Veranstaltung meinte Holger: „ich hab mir nur gedacht: Schauen wir mal wie lange das gut geht. Scheinbar habt ihr vergessen, dass wir noch 50km ins Ziel müssen“. Naja aber so ist das halt wenn lauter motivierte Wahnsinnige miteinander unterwegs sind.

Im Anschluss nahmen wir dann etwas Tempo raus – immerhin hatten wir uns in den drei Segmenten tatsächlich geringfügig die Schaufel selber drübergezogen. Aber macht nichts – es hat Spaß gemacht.

Die letzte Steigung: Der Paterberg
Brunni am Paterberg

Nach weiteren weniger bekannten Segmenten warteten der berühmte Kwaremont und schlussendlich der letzte Anstieg, der Paterberg mit knapp 20% Steigung auf uns. Auch diese konnten wir gut absolvieren, der “ziel”führende Fahrstil blieb uns allerdings weiter erhalten. Holger spannte sich in feinster Zeitfahrmanier vor uns und so konnten wir bei mittlerweile sehr starkem, fast stürmischem Wind in kurzer Zeit das Ziel in Oudenaarde ohne Sturz und fast ohne Pannen erreichen.

Bei den Jedermann Veranstaltungen der Radsportmonumente gibt es die Möglichkeit, sich mittels Strava mit den Profis zu vergleichen. Natürlich darf man die Herren van der Poel und Konsorten nicht als Maßgabe nehmen aber es ist doch recht interessant wie riesig der Unterschied zwischen uns Amateuren und den Worldtour Profis ist.

Für die drei bekanntesten Anstiege hier der Vergleich zwischen uns und dem späteren Sieger Matthieu van der Poel:

Koppenberg: MvdP 1:42min, Wir 2:42min

Kwaremont: MvdP 5:05min , Wir 8:45 min

Paterberg: MvdP 1:07min, Wir 2:07 min

Die Jedermann RTF der Flandernrundfahrt war wieder ein einmaliges, wenn auch anspruchsvolles Event, das uns in seinen Bann gezogen hat. Flandern, wir kommen wieder!

Glücklich und zufrieden im Ziel

Das Profirennen

Natürlich ist es immer am Schönsten selbst auf dem Rad zu sitzen. Seine Idole auf den Abschnitten zu sehen, die einem am Fernseher schon die Augen glänzen lassen hat aber natürlich auch was! Nach unseren Erfahrungen aus 2018 beschlossen wir, uns wieder am Kwaremont aufzuhalten, diverse Pommes und Getränkebuden zu plündern und anschließend zum Paterberg zu marschieren um das Finale live mitzuerleben. Gesagt – getan. Brunni hat neue Freunde kennengelernt, Tom leidete an akuter Reizüberflutung und Holger konnte JEDEN Fahrer beim Vornamen ansprechen.

Brunni knüpft Kontakt in Belgien

Wir fühlten uns bei der unbeschreiblichen Stimmung wie vier Halbstarke im Bällebad: Bitte nie wieder raus hier! Zwei bis Vier Kwaremont-Bier später fanden wir uns schließlich wieder am Paterberg ein. Bei der Zweiten von insgesamt drei Durchfahrten war das Feld noch recht geschlossen, im Finale donnerten schließlich Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel im wahrsten Sinne des Wortes „greifbarer“ Nähe den 20% Anstieg hoch. Auf der gegenüber aufgebauten Leinwand konnten wir mit vielen tausend weiteren Zuschauern das Finale miterleben. Leider mussten die Damen, die von Holger besonders motiviert wurden, den Paterberg nach einem kurzen Regen-/Schneeschauer im Nassen erklimmen. Tom war begeistert vom runden Tritt der Damen und hat sich den runden Tritt am Berg ins Hausaufgabenheft geschrieben.

Die Profifrauen am nassen Paterberg

Nach einer weiteren Portion Fritten reisten wir schlussendlich zurück ins Hotel und ließen die Eindrücke sacken. Am Folgetag stand die lange Heimreise nach Ingolstadt auf dem Programm. Hier merkte man die Anstrengung der beiden Vortage dem Einen oder Anderen an.

Unser Fazit steht fest: Wir waren nicht das letzte Mal bei einem Klassiker! Vielleicht sehen wir uns schon im Folgejahr bei der Königin der Klassiker, der Hölle des Nordens wieder: Paris – Roubaix, hauptsache Kopfsteinpflaster!