BAND OF BROTHERS

Band of Brothers – von Norman Gower

Sean Kelly wurde oftmals gefragt: ”Wenn du aus dem Fenster schaust und es scheint sehr kalt zu sein, gehst du trotzdem trainieren?“

Er sagte immer: „Es ist schwer zu beurteilen wie kalt es wirklich ist, wenn man nur aus dem Fenster sieht. Du musst dich entsprechend anziehen, vier Stunden fahren und wenn du nach Hause kommst, dann entscheiden ob es zu kalt ist.“

 

Im Sommer letztes Jahres führte uns eine Sonntagstour durch Schrobenhausen, Weilach, Gerolsbach, Pfaffenhofen und dann zurück nach Hause. Die Sonne schien, aber es war nicht zu heiß. Wind war fast keiner zu spüren und wir rollten glücklich durch die Landschaft. Radler Paradies.

Das Jahr vorher (2020) zeigte uns eine ähnliche Tour allerdings ein ganz anderes Gesicht.

Damals war Wolfgang H., unser Gruppe-Drei Alpha-Wolf, auf der Suche nach jemandem, der bereit war während seiner Abwesenheit die Gruppe nach Weilach zu fahren.

Für jemanden wie mich, der sein Leben lang allerlei Verantwortung zu vermeiden versuchte, war das viel verlangt.

„Kein Grund zur Panik“ sagte er, „ich werde die Strecke auf der Vereinswebsite hochladen.“

Noch mehr Panik! Wolfgang hatte bestimmt vergessen, dass er mit jemandem sprach, für den der Ausdruck „old school“ hätte erfunden werden können.

Jemand, der noch immer die Landkarten des Bayerischen Vermessungsamts benutzt und kein Garmin. Jemand, der manchmal Verpackungspapier unter das Trikot steckt anstatt eine Windweste zu tragen oder selbst gebackene Reiskuchen anstelle von Power Bars bevorzugt.

„Stell Dir mal vor wir landen in München oder Augsburg.“

„Das schaffst du“, beruhigte mich Wolfgang. Ich aber blieb skeptisch.

Die Strecke wurde akribisch mit Farbstiften auf der Landkarte eingezeichnet und viele Zettel mit dem Verlauf beschrieben, jede Ortschaft, Kreuzung und Abbiegung genau notiert. Dann eine Probefahrt. Ich sage eine. Mit Umdrehen, korrigieren und die Landkarte studieren fühlte es sich eher wie eineinhalb Fahrten an. Aber die Sonne schien und die bayerische Landschaft zeigte sich von ihrer besten Seite – wie im schönsten touristischen Bilderbuch. Kühe standen auf grasbedeckten Wiesen, zufrieden mit deren Auftrag Gras in Milch und Fleisch umzuwandeln und schauten einem vorbeifahrenden Radler lapidar hinterher. Die Welt war in Ordnung.

Schließlich war es Samstagabend und wir sahen uns mit einer beunruhigenden Wettervorhersage konfrontiert –  für Sonntag wurde Regen angesagt. Der Sonntagmorgen kam und mit ihm tatsächlich Regen. Keine leichte Schauer, es wütete der volle bayerische Monsun.

„Du fährst bestimmt nicht bei dem Wetter“, sagte die Chefin.

„Aber ich fühle mich irgendwie verpflichtet“.

„Ich glaube du fühlst dich etwas übergeschnappt, heute fährt niemand bei solchem Wetter, es sieht nass und kalt aus“.

„Aber Sean Kelly pflegte immer zu sagen ‚es ist schwer zu …….“

„Wir wissen wohl mittlerweile was Sean Kelly sagte, aber er war vielleicht fünfzig Jahre jünger und außerdem wurde er reichlich entlohnt Rad zu fahren.“

„Ich werde nur in die Stadtmitte fahren, niemand wird dort sein und dann komme ich zurück.“

„Ja klar und ich glaube noch an den Weihnachtsmann.“

So fuhr ich los. Es regnete schon kräftig, aber ich war in Regenjacke und mit Melkfett eingeschmierten Beinen gut bewaffnet. Außerdem würde sowieso niemand am Theaterplatz sein, dachte ich.

Dort angekommen, rutschte mir das Herz in die Hose. Dort standen tatsächlich drei Helden.

Stefan M. ein Bergsteiger der oft bei Minustemperaturen auf höheren Gipfeln übernachtete, „Bundeswehr“ Leon – jung und kugelsicher und Lenz G., der mir öfter geholfen hatte als es bergauf ging und den ich bis dahin als immer sehr vernünftig eingeschätzt hatte. Auch dabei, aber in Zivil, war Wolfgang W. Er notierte, wer dabei war und außerdem habe ich das Gefühl gehabt, dass er Material sammelte für seine Doktorarbeit mit dem Titel „Seltsames und irrationales Verhalten von normalerweise vernünftigen Männern bei extremen Wetterbedingungen“.

Es wurde eine Kombigruppe 1-3 gebildet und mein Herz sank weiter mit dem Wissen, was bevorstand.

Wir standen auf dem Theaterplatz mit dem Stadttheater im Hintergrund als Kulisse. „Die ganze Welt ist eine Bühne“ schrieb Shakespeare. Vielleicht hatte er eine ähnliche Szene im Kopf, aber reichte seine Phantasie soweit, dass er sich eine Gruppe wie uns hätte vorstellen können?

In der Schule haben wir eine bekannte Ansprache in seinem Stück „Heinrich V.“ auswendig gelernt. Vor der Schlacht bei Agincourt versuchte der König seine durchnässten, hungrigen und weit von zuhause entfernten Truppen zu ermutigen.

Jetzt kamen mir nur noch vereinzelte Floskeln dieser Ansprache in Erinnerung; wahrscheinlich zu viel Regen und Jahre auf dem Kopf.

Wir verabschiedeten uns von Wolfgang W. und dem Theater und richteten unsere Räder Richtung Weilach aus. Anfangs machte uns der Regen nichts aus, wir rollten gut voran und wechselten regelmäßig die Führung. Schrobenhausen wurde erreicht, menschenleer jedoch voller Wasser. Allmählich krochen mir jedoch Kälte und Feuchtigkeit in die Knochen und jede Welle war willkommen, um etwas Wärme zu generieren. Es kam ein Punkt, an dem ich nicht mehr in der Lage war vorne zu fahren. Meine drei Radkameraden schienen von keiner Schwäche betroffen zu sein und fuhren weiter wie Helden. Jetzt hieß die Parole immer weiter treten und durchbeißen, auch wenn die Beine scheinbar einem Fremden gehörten –  irgendein alter Reflex ließ sie weiterkurbeln.

Ständig kreiste dieser Spruch aus „Heinrich V.“ in meinem Kopf herum. Wie ging er nochmal? Etwas das alte Männer vergessen, aber was vergessen sie? Ich konnte mich nicht mehr erinnern. Nur, dass vor der Schlacht so wenig dabei waren.

Ab und an machte unser Soldat etwas zu viel Tempo, aber Stefan M. bremste ihn immer wieder, wofür ich sehr dankbar war. Zum Schluss führten uns Lenz und Leon nach Hause. Stefan fuhr neben mir, um sicherzugehen, dass ich nicht verloren ging. Die Beine drehten sich jetzt gefühllos und an den konstanten Strom an Wasser im Gesicht hatte ich mich längst gewöhnt, als wir wie in einem Traum Ingolstadt erreichten.

Mit einem Mal war es plötzlich easy, vielleicht half mir ein Rückenwind nach Hause und mit dieser neuen Leichtigkeit kamen mir ein paar Worte in Erinnerung: „We few, we happy few, we band of brothers. Uns wen’ge, uns beglücktes Häuflein Brüder.“

Es ist bekannt, dass Menschen schlechte Erlebnisse schnell vergessen oder wenigstens abmildern können. Später wurde gefragt: „Was? Ihr seid an dem Sonntag gefahren? Seid ihr nass geworden?“ „Ja aber nur einmal“.

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Falls jemand ein Interesse an englischer Literatur hat, hier ist die bekannte Ansprache aus Shakespeares „Heinrich V.“

Nach den Ereignissen am 6. Januar 2021 in Washington DC, sind solche mitreißenden Sprüche vielleicht mit Vorsicht zu genießen.

Für Unersättliche: es gibt auf Youtube Ausschnitte des Films mit Kenneth Branagh.

 

English                www.youtube.com/watch?v=A-yZNMWFqvM

 

Deutsch             www.youtube.com/watch?v=N59BcT6Sh4A&t=54s

 

 

 

 

 

 

        Agincourt Speech                            Rede vor Agincourt

Englische Originalversion Deutsche Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel
What’s he that wishes so?
My cousin Westmoreland? No, my fair cousin;
If we are mark’d to die, we are enow
To do our country loss; and if to live,
The fewer men, the greater share of honour.
God’s will! I pray thee, wish not one man more.
By Jove, I am not covetous for gold,
Nor care I who doth feed upon my cost;
It yearns me not if men my garments wear;
Such outward things dwell not in my desires.
But if it be a sin to covet honour,
I am the most offending soul alive.
No, faith, my coz, wish not a man from England.
God’s peace! I would not lose so great an honour
As one man more methinks would share from me
For the best hope I have. O, do not wish one more!
Rather proclaim it, Westmoreland, through my host,
That he which hath no stomach to this fight,
Let him depart; his passport shall be made,
And crowns for convoy put into his purse;
We would not die in that man’s company
That fears his fellowship to die with us.
This day is call’d the feast of Crispian.
He that outlives this day, and comes safe home,
Will stand a tip-toe when this day is nam’d,
And rouse him at the name of Crispian.
He that shall live this day, and see old age,
Will yearly on the vigil feast his neighbours,
And say ‘To-morrow is Saint Crispian.’
Then will he strip his sleeve and show his scars,
And say ‘These wounds I had on Crispian’s day.’
Old men forget; yet all shall be forgot,
But he’ll remember, with advantages,
What feats he did that day. Then shall our names,
Familiar in his mouth as household words-
Harry the King, Bedford and Exeter,
Warwick and Talbot, Salisbury and Gloucester-
Be in their flowing cups freshly rememb’red.
This story shall the good man teach his son;
And Crispin Crispian shall ne’er go by,
From this day to the ending of the world,
But we in it shall be remembered-
We few, we happy few, we band of brothers;
For he to-day that sheds his blood with me
Shall be my brother; be he ne’er so vile,
This day shall gentle his condition;
And gentlemen in England now-a-bed
Shall think themselves accurs’d they were not here,
And hold their manhoods cheap whiles any speaks
That fought with us upon Saint Crispin’s day.
Wer wünschte so?
Mein Vetter Westmoreland? – Nein, bester Vetter:
Zum Tode ausersehn, sind wir genug
Zu unsers Lands Verlust; und wenn wir leben,
Je klein’re Zahl, je größres Ehrenteil.
Wie Gott will! Wünsche nur nicht einen mehr!
Beim Zeus, ich habe keine Gier nach Gold,
Noch frag’ ich, wer auf meine Kosten lebt,
Mich kränkt’s nicht, wenn sie meine Kleider tragen;
Mein Sinn steht nicht auf solche äußre Dinge:
Doch wenn es Sünde ist, nach Ehre geizen,
Bin ich das schuldigste Gemüt, das lebt.
Nein, Vetter, wünsche keinen Mann von England:
Bei Gott! Ich geb’ um meine beste Hoffnung
Nicht so viel Ehre weg, als ein Mann mehr
Mir würd’ entziehn. O wünsch’ nicht einen mehr!
Ruf’ lieber aus im Heere, Westmoreland,
Daß jeder, der nicht Lust zu fechten hat,
Nur hinziehn mag; man stell’ ihm seinen Paß
Und stecke Reisegeld in seinen Beutel:
Wir wollen nicht in des Gesellschaft sterben,
Der die Gemeinschaft scheut mit unserm Tod.

Der heut’ge Tag heißt Crispianus’ Fest:
Der, so ihn überlebt und heimgelangt,
Wird auf dem Sprung stehn, nennt man diesen Tag,
Und sich beim Namen Crispianus rühren.
Wer heut am Leben bleibt und kommt zu Jahren,
Der gibt ein Fest am heil’gen Abend jährlich
Und sagt: »Auf Morgen ist Sankt Crispian!«,
Streift dann die Ärmel auf, zeigt seine Narben
Und sagt: »An Crispins Tag empfing ich die.«
Die Alten sind vergeßlich; doch wenn alles
Vergessen ist, wird er sich noch erinnern
Mit manchem Zusatz, was er an dem Tag
Für Stücke tat: dann werden unsre Namen,
Geläufig seinem Mund wie Alltagsworte,
Heinrich der König, Bedford, Exeter,
Warwick und Talbot, Salisbury und Gloster,
Bei ihren vollen Schalen frisch bedacht!
Der wackre Mann lehrt seinem Sohn die Märe,
Und nie von heute bis zum Schluß der Welt
Wird Crispin Crispian vorübergehn,
Daß man nicht uns dabei erwähnen sollte,
Uns wen’ge, uns beglücktes Häuflein Brüder:
Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt,
Der wird mein Bruder; sei er noch so niedrig,
Der heut’ge Tag wird adeln seinen Stand.
Und Edelleut’ in England, jetzt im Bett’,
Verfluchen einst, daß sie nicht hier gewesen,
Und werden kleinlaut, wenn nur jemand spricht,
Der mit uns focht am Sankt Crispinus-Tag.