Les Cinglés du Mont Ventoux

Das erste Mal bin ich den Mont Ventoux vor gut 25 Jahren mit dem Reiserad rauf geradelt, dann mal mit dem Rennrad und dann hab ich den Giganten der Provence nur noch im Fernsehen bei der Tour de France gesehen, gehört ja alle paar Jahre zum Programm und heuer gleich zweimal auf einer Etappe. Irgendwann hatte ich dann mal vage von den “Verrückten” am Mont Ventoux gehört, das war mir aber dann immer zu weit weg. Doch bei den von Stefan organisierten Radlwochen, letztes Jahr in den Pyrenäen und heuer in den Alpen wurde das Ganze wieder konkreter. Alle 3 Auffahrten des windumtosten Giganten der Provence an einem Tag hinaufzuradeln, eigentlich gar keine so schlechte Idee. Es hat bestimmt einige Gläser Rotwein, jeweils bei den Organisatoren als auch bei den Teilnehmern, gebraucht um dann soweit zu sein. Es wurde schon mal lose geplant. Die “Cinglés”, – franz. cinglé: verrückt, durchgeknallt, bescheuert, übergeschnappt,…. – sollten zwei weitere Mitglieder bekommen.

Nachdem es ja im letzten Jahr wegen Corona mit dem Frankreichurlaub nicht geklappt hat, war es heuer dann soweit. Stefan und Ute sind eine Woche nach Ingrid und mir in den Urlaub nach Frankreich gefahren. Wir hatten losen Kontakt, es war kein festes Datum geplant. Das hat dann der Wetterbericht übernommen. Ein Tag ohne Wolken und vor allem ohne Wind war angesagt. Wir haben uns am Mont Ventoux eingefunden. Stefan und Ute in Bédoin, Ingrid wollte auch auf den Ventoux radeln, aber nur einmal und das von Sault aus, also haben wir beide in Sault am Campingplatz Station gemacht. Schon vor Sonnenaufgang bin ich los. Es war noch dunkel als ich im Zelt die restlichen Nudeln vom gestrigen Abendessen und sonst noch Einiges verputzt habe. Die Bar in Sault macht um 7e auf, da gab’s schon mal einen Café au lait und noch ein Croissant und vor allem den ersten Kontrollstempel. Zum Sonnenaufgang war ich unterwegs. Die Auffahrt von Sault ist die einfachere, auf 20km erstmal 700hm und dann vom Chalet Reynard noch zum Gipfel. Von hier aus sieht man dann auch wieder den Gipfel mit dem weithin sichtbaren Turm. Die Bäume werden immer weniger und auf nagelneuen Asphalt mit Fahrradspur geht´s an den kahlen Schotterhängen entlang und hinauf. Easy. 1909m. Das erste Mal oben. Das Gipfelrestaurant hat noch nicht geöffnet, ich ziehe alles an was ich dabei habe und drehe ein paar Runden zu den verschiedenen Aussichtspunkten am Gipfel. Keine Wolke am Himmel. Ich geniese die Aussicht übers Rhonetal bis in die Cevennen und bis zu den Alpen, dann hat das Restaurant offen. Un Cafe et un pain au chocolate, draußen in der Sonne auf der Terrasse, es ist fast windstill. Es ist klar und frisch, die Aussicht ist gigantisch. Als ich gerade weiterfahren will sehe ich ein RTG – Trikot über die Schotterflanke heraufradeln. Ja aa Schau. Stefan ist auch unterwegs und schon fast oben. Nach Stefans kurzem Stopp ändere ich meinen Plan und fahre nicht nach Bedoin sondern mit Stefan nach Malaucène runter. Stefan nur mit Windjacke überm Trikot, ich bin warm eingepackt mit dicker Jacke und langen Handschuhen. Auf der schattigen Abfahrt kommen uns ein paar hundert Radler entgegen, MTBs, eBikes, Reiseradler mit Gepäck aber vor allem Rennradfahrer. Wir nehmen die zweite Auffahrt von Malaucène nach einem Frühstück in der warmen Sonne gemeinsam in Angriff. Kurz-kurz in der Sonne, es läuft gut und zum Mittagessen sind wir wieder im Restaurant am Gipfel. Innerhalb von ein paar Minuten ist aus sonnig-windstill ein neblig-windiges ungemütliches Wetter geworden. Ingrid ist kurz vor uns eingetroffen. Wir sitzen drinnen. Es gibt ein Menue-cyclist, Nudeln/Nachtisch und Limo oder Bier, da bin ich doch beim Bier, Marke „1909“, passende zur Höhe und dann doch noch ein Cola und doch noch ein Bier und ein Café und ab die Post. Wir sausen an den kahlen Schotterhängen hinab bis zur Abzweigung. Stefan biegt ab nach Sault und ich nach Bedoin. Schnelle Abfahrt und endlose S-Kurven. In Bédoin erstmal wieder Stempel für die Kontrollkarte abholen und ein Cola trinken. Die Auffahrt fängt erst harmlos an, aber die 10km mit 10% bis zum Chalet Reynard ziehen sich gewaltig, keine Kehre keine Aussicht nur Kurven durch den trockenen Steineichenwald, es wird richtig zäh. Einen km vorm Chalet Reynard kommt mir schon Stefan entgegen, der war anscheinend effektiver unterwegs. Der letzte km bis zur Abzweigung zieht sich, aber dann ist das Ziel in Sicht. Es wird erstmal deutlich flacher, der Gipfel ist in Sichtweite und die Motivation ist wieder ganz oben. Ein Rennradler mit dem ich mich die letzten km gemeinsam hinauf kämpfe schaut mich ziemlich komisch an als ich in frage ob er heute auch das dritte mal rauffährt. Noch die letzte Rampe und ich bin oben. Wurschd dass das Restaurant gerade zumacht. Ich genieße die Aussicht und packe mich warm ein für die Abfahrt. In Sault lasse ich meine Kontrollkarte abstempeln und gönn mir ein Bier zum Sonnenuntergang.

So, nur noch die Kontrollkarte einschicken und dann bekommen wir´s schriftlich. Wir sind „Cinglés du Mont Ventoux“. Denn man muss nicht verrückt sein um den Mont Ventoux zu bezwingen, aber wenn man dann hinunterfährt und nochmal…

Albi et les autres cinglés