Die eine, die (fast) immer lacht – Eva Schien beim Race Around Austria 2021

Die Angst vor Stopschildern

Ich muss zugeben, dass ich bisher noch nach keinem Radrennen, an dem ich in irgend einer Form beteiligt war, so emotional aufgewühlt war wie nach dem Race around Austria. (Sehr) wenig Schlaf, bewegende Momente, der Nervenkitzel und die ständige Angst vor Stopschildern (dazu später mehr) machten das Rennen rund um Öberösterreich Mitte August 2021 zu einem unvergesslichen Erlebnis. Aber alles der Reihe nach…

Irgendwann im Mai oder Juni 2021 erzählte mir Eva, dass sie sich für das Race Around Austria angemeldet hat. Nicht für die „Extreme“ Distanz mit 2200km sondern für die „Challenge” mit 564km. Ich bot mich an, im Begleitfahrzeug zu unterstützen und nach kurzer Bedenkzeit und der Zusage von zwei Familienmitgliedern von Eva stand unser Betreuerteam.
Im Vorfeld galt es, das ausführliche Reglement genau zu studieren und die gesamte Ausrüstung samt Begleitfahrzeug genauestens Vorzubereiten. An dieser Stelle möchten wir uns bei Tobias Weber von leasiscnc (CNC Einzelkomponentenfertigung von Fahrradteilen sowie Individiualisierung von Fahrräder und Fahrradteilen mittels Folienbeklebung) für die „RTG“ und „Race Around Austria“ Reflektoraufkleber für die Laufräder bedanken. Wir versuchten im Vorfeld alle Eventualitäten abzudecken, sei es der Adapter um den Akku der Beleuchtung gleichzeitig als Power Bank für den Garmin zu benutzen, aber auch ein Walkie Talkie mit Headset um ständig Funkkontakt zwischen Eva und dem Begleitfahrzeug halten zu können.

Eva vor dem Pacecar
Die Pacecar Crew: Thomas, Alex und Tamy

Die Zeit verging wie im Flug und das Race Around Austria stand vor der Tür. Leider streckte mich 4 Tage vor Abreise ein Hexenschuss gnadenlos nieder. Ohne die heilenden Hände von Sandra Mücke und Tanja Meier (mypainlesssport) wäre es für mich unmöglich gewesen als Betreuer am Rennen teilzunehmen. Vielen Dank!!!

Nervenkitzel bei der technischen Abnahme
Unser abgenommenes Pacecar und die “Montage” des Headsets für das Funkgerät

Wir reisten einen Tag vor Rennstart an, checkten am Vorabend nochmal ein paar Details wie die Ausrichtung der Beleuchtung an den Rädern, rechneten nochmal unsere geplanten Radwechsel zwischen Straßenrad und Zeitfahrrad durch und gingen recht früh ins Bett, schließlich erwarteten uns gute 30 Stunden nahezu ohne Schlaf. Am Renntag wurden wir sehr herzlich im Rennbüro empfangen und beklebten unser Begleitfahrzeug entsprechend dem Reglement bevor es zur technischen Abnahme ging. Etwas nervös waren wir aufgrund des umfangreichen und detaillierten Reglements schon aber scheinbar hatten wir unsere Hausaufgaben gut gemacht. Die technische Abnahme war nach 10 Minuten ohne jegliche Beanstandungen erledigt. Nach ein paar weitere Stunden Ruhe machten wir Eva schließlich „Ready to Race“ und um 14:30 ging es in die Startaufstellung. Die Spannung stieg bis Eva schließlich um Punkt 15:04 von der Startrampe rollte. Wir rollten durch St. Georgen und verließen die Ortschaft in die ersten 40 hügeligen Kilometer.

© Wolfgang Haidinger
Um Punkt 15:04 ging es los
In den Flow gekommen

Von Beginn an legte Eva eine gute Pace an den Tag, ohne über ihren Verhältnissen zu fahren. Bereits nach wenigen Kilometern bahnte sich das erste Überholmanöver an. Auch hierfür gibt es eine besondere Regelung vom Veranstalter: Der Überholende muss das Begleitfahrzeug des zu Überholenden auf der rechten Seite passieren und erst wenn zwischen dem zu überholenden Team und der eigenen Fahrerin genug Abstand war, konnten wir als Begleitfahrzeug ebenfalls zum Überholvorgang ansetzen. Der erste Teil der Strecke war bereits sehr anspruchsvoll. Es ging nur bergauf oder bergab. Es waren keine langen Anstiege zu bewältigen, oft ging es nur einen oder zwei Kilometer bergauf aber besonders in solchem Gelände ist es nicht einfach seinen Rythmus zu finden. Kurz vor unserem Radwechsel bei km40 wurden wir von der späteren Siegerin und Zweitplatzierten überholt. Beide fuhren mit Top Aero Position und wummernden Scheibenrädern an uns vorbei. Doch davon ließen wir uns nicht beirren. In der kleinen Ortschaft Kirchberg bei Mattighofen haben wir vorab aufgrund des Höhenprofils den Wechsel auf das Zeitfahrrad eingeplant und lagen mit der Entscheidung goldrichtig. Die nächsten 70km verliefen größtenteils flach und Eva konnte eine gute Pace an den Tag legen. Unser Begleitfahrzeug zeigte nicht selten eine Geschwindigkeit von 35-40km/h an. Dabei schien Eva nie über ihren Verhältnissen zu fahren, sondern war augenscheinlich geradezu in einem „Flow“.

Auf dem Zeitfahrrad ging es mit flottem Tempo voran
Auf und Nieder immer wieder

Die zweiten hundert Kilometer sollten erneut mit einem Radwechsel beginnen. Wir erfuhren erst am Vortag, dass das Zweite von insgesamt 5 Streckenabschnitten, die uns digital vorlagen aufgrund einer Streckensperrung komplett geändert wurde. Hierfür haben wir ein Zusatzblatt zum Roadbook erhalten, in dem der neue Verlauf in eine Karte eingezeichnet wurde. Dank moderner Technik planten wir aber unsere GPX Datei kurzfristig um und konnten uns und Eva so problemlos durch die neue Strecke navigieren. Die Navigation war im Vorfeld einer der Punkte, die uns durchaus Respekt einflößten, es waren dann aber doch eher die Steigungen, die beeindruckend waren. Nach dem Radwechsel bei km110 ging es das erste Mal längere Zeit bergauf. Von ca. 300m über Meereshöhe ging es auf 750m Höhe und im Anschluss ständig um 100-200hm bergauf und bergab. Somit absolvierte Eva im zweiten von fünf Abschnitten von 100km bis 200km insgesamt 1930 Höhenmeter. Die knapp 700hm auf den ersten 100km nicht zu vergessen!

Eva und Berge – das passt!
Kurz vor der Dämmerung geht es flott in eine Abfahrt

Während dieser Kletterei erreichten wir auch die offizielle Nachtgrenze, d.h. ab 20Uhr mussten alle Fahrer mit ausreichender Beleuchtung fahren. Das Begleitfahrzeug durfte in dieser Zeit den Sportler bzw. die Sportlerin nie aus dem Scheinwerferkegel verlieren. Vor allem auf den Abfahrten, die Eva mit Bravur meisterte, war dies wirklich eine Herausforderung, mitzuhalten. Als es fast vollständig dunkel war, passierten wir eine Mitstreiterin in der Damenwertung, die uns zwischenzeitlich überholt hatte. Somit kletterte Eva von Platz 6 auf Platz 5. Gefühlt bewegten wir uns zwischenzeitlich irgendwo im Nirgendwo. Es tauchten Straßenschilder in der Dunkelheit auf, die gerade mal 140km nach Prag auswiesen. Die scheinbar nicht mehr enden wollenden wiederkehrenden Steigungen nagten langsam aber sicher am vorher angepriesenen Flow unserer Eva. Gott sei Dank hatten sich viele freiwillige Feuerwehren, Familien und dergleichen in kleinen Ortschaften eingefunden, die ordentlich Stimmung am Straßenrand machten und die Fahrer anfeuerten – und das bis 2 Uhr morgens!

Kampf gegen die Müdigkeit

Aprospos 2 Uhr morgens – hier hatten wir den nächsten Wechsel eingeplant, denn das Höhenprofil ließ eine flache Passage erwarten. An der Einmündung an einen Feldweg neben einem Maisfeld blieben wir stehen, wechselten die Räder und machten die erste Pause, die zumindest länger als 1-2 Minuten dauern sollte. Neben einem koffeinhaltigen Kaltgetränk gab es noch den ein oder anderen Snack, Eva zog sich Armlinge und eine Windweste an und weiter ging die Fahrt. Ebenfalls tauschten wir auch erneut am Fahrerplatz des Begleitfahrzeuges, damit wir zumindest im Wechsel einen Hauch von Schlaf auf der hinteren Sitzbank erwischen konnten. Scheinbar ohne Ermüdungserscheinungen setzte Eva ihre flotte Fahrt fort. Sie hatte sich bereits seit Rennbeginn perfekt ernährt, größtenteils über Riegel, aber auch das ein oder andere Gel und schließlich ausreichend flüssige Nahrung (Carbboom) von unserem Unterstützer „Athletic3“. Ohne jegliche Magenprobleme konnte sie ihre Speicher immer wieder füllen und so ihr Tempo halten. Der scheinbar flachere Abschnitt erwies sich jedoch leider als nicht so flach wie erwartet. Zwar erwarteten uns keine größeren Hügel, jedoch war es durchaus wellig. Umso erfreulicher dass sich auch hier Unterstützer fanden. Die Werkssicherheit des BMW Motorenwerkes in Steyr hatte die Wache verlassen und stand um 4 Uhr morgens hinter dem Werkzaun und feuerte die vorbeifahrenden Sportler an.  Langsam aber sicher machte sich die lange Nacht bemerkbar, so dass uns Eva anfunkte und eine Pause einlegen wollte. Die Müdigkeit war ihr zugegebenermaßen ins Gesicht geschrieben. Außerdem nutzte sie den kurzen Stillstand um wieder auf das Straßenrad zu wechseln. Wir ermunterten sie, dass es spätestens ab 5 Uhr wieder heller werden sollte jedoch war zu diesem Zeitpunkt dann doch ein gewisser mentaler Tiefpunkt erreicht. Eva bewies jedoch einen unglaublichen Biss und setzte ihre Fahrt bald fort. Zu diesem Zeitpunkt war sie auf dem sechsten Platz. Immer wieder schielten wir auch auf das Live Tracking und hielten es durchaus für möglich, dass sie die Fahrerin vor ihr, von der sie auf dem flachen Abschnitt in den frühen Morgenstunden überholt wurde auf den längeren Anstiegen wieder einholen konnte, schließlich sind die Steigungen ihre große Stärke.

Die Sonne ist wieder aufgegangen
ANgriff!

So kam es dann auch, dass sie am Hengstpass, der von 440m auf ziemlich genau 1000m Höhe führte einen schönen Rythmus treten konnte und mit gutem Zug nach oben rollte. Auch auf der Abfahrt zeigte sich eindeutig, dass das Tief aus der Nacht vollständig überwunden war.

Die gute Laune kehrte mit den ersten Hügeln nach der Nacht zurück

In der Super Tuck Position ließ sie es richtig krachen und wir musste im Verfolgerfahrzeug Alles geben um dran zu bleiben. Und plötzlich war auch der Vorsprung der Fahrerin vor ihr gesunken. Bereits am folgenden Anstieg (Wir sprechen zu diesem Zeitpunkt von einer absolvierten Renndistanz von 450km!!!), an dem wir mit dem Auto vorausfuhren und an der Kuppe warteten, sahen wir die vorausliegende Fahrerin und waren uns sicher, dass das hohe Tempo, mit dem sie uns Nachts überholte wohl gerade seinen Tribut zollte. Wir stoppten die Zeit mit, bis Eva mit einem sichtbar höheren Tempo die Höhe des Berges erreichte und riefen ihr zu, dass gerade einmal noch 8 Minuten zwischen ihr und der vorausfahrenden Fahrerin lag.

Alex läuft neben Eva her und gibt ihr den schrumpfenden Vorsprung der vor ihr platzierten Fahrerin direkt weiter

Es war durchaus beeindruckend, wie sie sich nun das klare Ziel setzte eine Platzierung gutzumachen, die Fahrerin einholte und nach wenigen Kilometern überholte. Zwar versuchte die überholte Fahrerin noch mitzuhalten und dann sogar zu kontern, jedoch war es ihr nicht möglich an einer der nächsten Steigungen dem Tempo von Eva zu folgen. Wir glichen nun immer wieder den Live Tracker ab und versuchten gleichzeitig Eva davon abzuhalten, zu überpacen. Der nächste Anstieg von Gmunden über die Großalm Straße wartete erneut mit 350 Höhenmetern. Wenn sie nun ein gleichmäßiges Tempo und sauberen Rythmus finden konnte, sollte ihr ihre Verfolgerin nichts mehr anhaben können.

Volle Kraft voraus!

Im Begleitfahrzeug herrschte absolute Rennstimmung, jegliches Schlafdefizit war vergessen und wir hatten alle das Ziel, nun den fünften Platz ins Ziel zu bringen. Als Belohnung gab es an der Höhe des Anstiegs nochmal einen Nutella Toast. Außerdem konnten wir in der folgenden Abfahrt einen grandiosen Ausblick auf den türkis schimmernden Attersee genießen. Auch auf dieser Abfahrt bewies Eva, dass ihr die Berge nicht nur bergauf, sondern auch bergab zugeschnitten waren. Für uns galt es, sie am Ufer des Attersees noch auf eine große Gefahrensituation hinzuweisen: DAS STOPSCHILD! Sowohl für die Fahrerin als auch für das Begleitfahrzeug hätte es eine 15 Minuten Zeitstrafe gegeben, hätten wir nicht wirklich bis zum Stillstand gestoppt. Das galt natürlich für alle Stopschilder auf der langen Strecke. Im Laufe des Rennens entwickelten wir fast eine Stopschildphobie. Wir gaben aber schlussendlich nur unser Bestes, um dem Team keine Zeitstrafe einzuhandeln.

Vom Attersee zum Mondsee

Die Strecke entlang des Südufers am Attersee kannten wir bereits vom King of the Lake, bis es zur Abzweigung Richtung Mondsee ging. Hier trennten sich die Race Around Austria und King of the Lake Strecke. Letztere wollen wir im weiteren Jahresverlauf Mitte September noch in Angriff nehmen. Nach kurzer Zeit erreichten wir den Mondsee. Warum der Mondsee eigentlich Mondsee heißt, stellte ich mir die Frage. Vom Rennverlauf gepackt musste ich die Antwort auf die Frage verschieben und es kam leider zu einem unvorhergesehenen Zwischenstop. Die letzten 25km mit einer langgezogenen Steigung und 100 Höhenmetern stellte sich noch der Zieleinfahrt in den Weg aber die Temperaturen hatten mittlerweile fast 30 Grad erreicht. Dies führte bei Eva dann zu einem kurzen Tiefpunkt, den wir ihr mit anhaltenden Anfeuerungen, einem ordentlichen Schuss Zuckergetränk und schließlich einem (nach Reglement erlaubten!) beherzten Schubser beim Abfahren entgegen wirkten zu versuchten. 100 Höhenmeter – eigentlich ein Klacks, jedoch nach 540km Rennstrecke nochmal eine Herausforderung. Auch wenn der Tritt nicht mehr so rund war wie vor einundzwanzigeinhalb Stunden, er war nach wie vor kraftvoll und die Kilometer und verbleibenden Höhenmeter schrumpften dahin. Die letzten 10km gingen nun leicht bergab und wir zählten die Kilometer einzeln runter und machten Eva immer wieder Mut, dass das Ziel nun wirklich in greifbarer Nähe liegt.

Der letzte Hügel ist erklommen!

Schließlich erreichten wir das Ortschild von St. Georgen. Ab diesem Zeitpunkt galt das Rennen als neutralisiert und die inoffizielle Zielzeit als bestätigt. Mit Motorradbegleitung und wehender deutscher Fahne ging es schlussendlich durch den Ort und wieder zurück auf das Podest, auf dem die 560km lange, 6800 Höhenmeter überwindende Fahrt mit einer Zielzeit von 22 Stunden und 5 Minuten inklusive Pausen sowie einem fünten Platz begann. Nach einem kurzen Interview folgten unsere Glückwünsche, die zugegebenerweise von der ein oder anderen kleinen Glücksträne begleitet waren, zumindest bei mir. Es sei erwähnt, dass Eva mit dieser Zielzeit im Jahr 2020 den dritten Platz, nur eine Minute hinter der Zweitplatzierten erreicht hätte.

Das Team “Eva Schien”
Gibt es ein Revival?

Wie immer stellt sich nach einer derartigen Veranstaltung die Frage, ob man sich „das noch einmal antun will“. Bei einer der kurzen Pausen im Verlauf des Rennens wurde von Eva erwähnt, dass sie nicht verstehen kann, warum sie sich hierfür angemeldet hat. Auf dem Heimweg haben wir aber kurz diskutiert, wie wir das Zeitfahrrad noch effizienter hätten nutzen können. Somit bleibt die Frage einer Wiederholung in Summe erst einmal unbeantwortet. Mal schauen, was die Zukunft bringt. Eines ist auf jeden Fall klar: Unsere Eva ist die Eine, die (fast) immer lacht. Und die nicht einmal ans Aufgeben oder dergleichen gedacht hat. Ich ziehe den Hut vor dieser Leistung!

© Wolfgang Haidinger
DANKE

Wir möchten uns an dieser Stelle bei

den Eltern von Eva,
allen Unterstützer und Mitfiebernden von der Radsportabteilung des TSV Gaimersheim sowie allen weiteren Vereinen und Einzelpersonen,
Athletic3 für die zur Verfügung gestellten Riegel, Gels und Getränkepulver,
leasiscnc für die zur Verfügung gestellten Custom Reflektoraufkleber,
Biggy samt dem Team Verschleißgruppe für die Anfeuerungsrufe am Start,
Tango für die Leihgabe seiner Lampe,
unseren Sponsoren der Radsportabteilung des TSV Gaimersheim
und allen Weiteren, die uns mental oder mit Materialien unterstützt haben, bedanken.

Im Namen der RAA Challenge Crew „Eva Schien“ – verfasst von Alexander Geith

Fotos by Wolfgang Haidinger, Alex, Thomas, Tamy