Von Kiefersfelden an den Gardasee

Einmal über die Alpen

Der Alpenhauptkamm stellt für viele Verkehrsmittel eine Herausforderung dar: LKWs müssen sich die Brennerstraße hinaufkämpfen, Kolonnen von Motorradfahrern schlängeln sich die alte Brennerstraße hinauf und natürlich versuchen unzählige Urlauber mit ihren PKWs den sonnigen Süden zu erreichen. Heutzutage funktioniert das selbstverständlich unglaublich komfortabel – mit Klimaanlage, Abstandstempomat und Lenkassistent. Zwischendurch eine Espressopause und im Nu steht man am malerischen Lago di Garda. Dass es aber auch ein wenig unkomfortabler, gleichzeitig aber wesentlich energieeffizienter geht, wollten sich die vier Rennradler Eva Schien, Boris Halsner, Sebastian Gaßner und Alexander Geith beweisen. In einem Zug von Kiefersfelden an den Gardasee, diese Route stand für Samstag, den 19. Juni 2021 auf dem Programm.

Von Kiefersfelden bis zum Brenner:

Bereits um 4:15 Uhr klingelte der Wecker. Zugegeben: Die Augen waren noch etwas zugekniffen, aber die kühle Luft, die wunderbare Morgenstimmung im Inntal und die gute Laune ließen uns zügig um 5:15 Uhr starten.

Bereits nach kurzer Zeit passierten wir die Deutsch-Österreichische Grenze, natürlich mit negativen Testergebnissen gewappnet. So früh war aber kein Kontrolleur aktiv und auch das restliche Verkehrsgeschehen hielt sich in Grenzen. Schnell konnten wir viele Kilometer gut machen, ließen etliche Burgen und Schlösser im Inntal vorbeiziehen und kamen dem ersten „scharfen“ Richtungswechsel in Innsbruck immer näher.

Dank moderner Technik fanden wir uns in der Hauptstadt Tirols gut zu Recht und erreichten in Kürze den Einstieg zur Brennerstraße, der dem ein oder anderen vom Ötztaler Radmarathon gut bekannt ist. An der Olympiaskisprungschanze vorbei zieht sich die Straße mit moderater Steigung hinauf.

Vorbei an der Europabrücke, von der sich zu dieser frühen Zeit noch kein Wagemutiger per Bungee Seil hinunterstürzte, tauchte nach ein paar weitere Kurven unsere erste Verpflegungsstation auf. Während der ganzen Fahrt verpflegte uns die zweite Eva an festgelegten Punkten. Bei frisch gebrühtem Kaffee, frischen Semmeln, Kuchen und einem Ausblick ins diesige Tal wurden die Tanks rasch wieder gefüllt.

Jedem war bewusst, dass spätestens im Etschtal die Temperaturen die 30 Grad Marke deutlich knacken werden, weshalb von Anfang an eine hohe Flüssigkeitsaufnahme sehr wichtig war. Lange hielten wir uns nicht auf und gingen die weitere Fahrt hinauf zur Passhöhe am Brenner an. Der ein oder andere Radfahrer mag sich gefragt haben, wo wir mit unserem „Zug“ heute noch hin wollten, schließlich war das Tempo doch recht hoch aber für uns alle gut zu meistern.

Bella Italia

Kurz nach der Brennerhöhe erreichten wir die italienische (südtiroler) Landesgrenze.

Auch hier konnten wir problemlos die Kontrolleure passieren und es ging in die Abfahrt nach Sterzing. Leider nahm nach und nach der Verkehr zu, wir hatten aber glücklicherweise keine brenzlige Situation. Ab Sterzing sollte es nun konstant mit leichtem Gefälle Richtung Bozen weitergehen. Der Radweg schlängelt sich hier am Hang entlang wobei höchste Konzentration gefordert ist, da viele Kanten, Löcher und zum Teil Sand und Split auf dem Radweg ein gewisses Sturzrisiko darstellten. Obwohl wir uns immer wieder im Schatten bewegten, war klar zu spüren, dass die Temperaturen langsam aber stetig stiegen. Daher kam der nächste Stopp in Klausen gerade recht. Auf einer schattigen Parkbank gab es nun die ersten isotonischen (und alkoholfreien!) heimischen Getränke und einen bärigen Nudelsalat.

Zu dieser Stelle waren bereits 175 km absolviert, also knapp über die Hälfte unserer Strecke.

Kommt der Wind oder kommt er nicht?

Der weitere Verlauf des Radwegs verlief durch viele ehemalige Eisenbahntunnel und war glücklicherweise deutlich geradlinig verlaufender als noch zuvor. Wir wechselten uns regelmäßig ab und der Tacho zeigte nicht selten aufgrund des leichten Gefälles 50 km/h Fahrtgeschwindigkeit an.

Dennoch hatten wir einen gehörigen Respekt vor dem „letzten“ Flachstück von Bozen bis Rovereto. Erfahrungsgemäß weht hier ab der Mittagszeit ein massiver Wind – leider immer Richtung Bozen, also uns potenziell entgegen. Glücklicherweise waren wir scheinbar früh dran, knackten bei Bozen die 200 km Marke und konnten auf dem flachen Etschtal Radweg von Bozen ab schnell Strecke gut machen. Für alle Freunde von Zahlen: im Abschnitt von 200 km bis 250km, unserem nächsten Verpflegungsstopp in St. Michele erreichen wir ein Stundenmittel von 39km/h – scheinbar hatten wir uns optimal verpflegt.

Als wir uns beim Verpflegungsstopp in St. Michele eine kühle Wassermelone gönnten war er zu spüren… und wurde stärker und stärker. Der berühmt berüchtigte Wind im Etschtal. Quasi aus dem Nichts tauchte er auf und ließ nicht mehr locker.

Flamme Rouge

Normalerweise hängt der Teufelslappen (ein auf dem Kopf stehendes, rotes Dreieck) bei 1000 m vor dem Ziel. Für uns waren es eher die letzten 60 km. Bei Temperaturen über 33 Grad, dem sehr böigen Wind, der kreuz und quer durch das Tal kreiselte und auch plötzlich von der Seite auftauchte (Achtung: Lenker festhalten!) wurde unsere Fahrt dann doch etwas ausgebremst. Der ein oder andere musste zugeben, langsam auch mit Konzentrationsproblemen in der Hitze zu kämpfen zu haben. Dennoch rollten wir zum Teil sauber gestaffelt, um dem schrägen Wind zu trotzen, Richtung Rovereto. Von da ab ist es schließlich nur noch ein kurzer Schwenk Richtung See.

Jeder, der bereits einmal an den Gardasee mit dem Rad gefahren ist, wird den Moment, in dem man den langgezogenen See mit seinem kräftig blau gefärbten Wasser zum ersten Mal sieht, genau beschreiben können. Man fühlt sich am Ziel angekommen, egal wie lange die Strecke zuvor war. Allen vier von uns war zwar die Anstrengung anzusehen, das Grinsen konnte sich aber keiner verkneifen. Zur Abfrischung ging es direkt nach Ankunft, noch in Radlklamotten in den See. Darauf folgte erneut eine isotonische Erfrischung, diesmal aber zur Belohnung eher die unsportliche Sorte. Den Abend ließen wir schließlich mit Pizza und Wein ausklingen, bis es bereits am Sonntag morgen wieder zurück in den Landkreis Eichstätt ging.

An dieser Stelle gilt unser besonderer Dank der Eva für die perfekt organisierte Verpflegung.

Das Fazit unseres Trips ist kurz umschrieben: Nicht die Strecke tötet, sondern das Tempo – außer man fährt in so einem harmonisch laufenden Vierer. Dann kann einen (fast) nichts aufhalten.

Für die Zahlenfreunde hier noch die Zusammenfassung:

Strecke: 311km

Höhenmeter: 1995m

Durchschnittliche Geschwindigkeit: 33,0km/h

Kalorienverbrauch: (Je nach Fahrer bis zu 8000Kcal)

Reine Fahrtzeit: 9h 26min