Hundstage

Hundstage

Es war ein sehr heißer Montag, ein sogenannter Hundstag, als Wolfgang H., Heinz G. und ich los radelten um die Strecke der folgenden Sonntagstour auf Hindernisse oder Baustellen zu erkunden. Alles war in Ordnung bis wir den Ort Niederkuhstall, oder so ähnlich, erreichten.

Eine Baustelle. Die ganze Straße war aufgerissen um Platz für eine schöne, glatte, neue Teeroberfläche zu machen.

Sowas passiert nicht selten, normalerweise kann man mit Geschick und Radakrobatik irgendwie vorbeifahren aber dieses Mal nicht.

Herr Baumeister persönlich sperrte unsere Durchfahrt. „Nein, unmöglich, Straße gesperrt, Schilder ganz offensichtlich“ und viel mehr in diesem Ton.

Wir hatten keine Lust umzukehren um auf unserer bereits abgeradelter Strecke weiter zu fahren. Wir waren sicher, dass Wolfgang dieses Rätsel ohne große Umstände schnell lösen wird.

Obwohl unser Alpha-Wolf die Sache mit ernsthaften Argumenten vertrat, blieb Herr Baumeister stur und erlaubte unsere Weiterfahrt nicht.

Ah-ha dachte ich, es handelt sich hier um einem Jobsworth, auf Deutsch Paragraphenreiter, eine in Südengland weit verbreitete Spezies von Menschen, die in Bayern, wo die Menschen bekannt sind für ihre Einstellung / Mentalität: leben und leben lassen, nicht oft vorkommen.

Ein alter Dorfbewohner, an seinem Bulldog lehnend, hat diese Charade schweigend beobachtet. Dann sprach er „Wenn ihr diesen Schotterweg runterfahrt, dann links abbiegt, hoch am Hopfenfeld vorbei, erreicht ihr einen Bauernhof und dann wieder die Straße “. Ich dachte dass er sowas sagte aber meine zwei Radkameraden, die der bayrischen Sprache 100 %ig mächtig sind, haben mir die Mitteilung ins „Hochdeutsche“ übersetzt.

So fuhren wir, mit unserem 25mm Reifen, den schmalen Weg runter, an Äste und Brennnesseln vorbei, bis wir links auf einen schlammigen, nach schwerem nächtlichen Regen matschig gewordener Strecke, abbiegen mussten.

Als ich viel jünger war, fuhr ich im Winter Querfeldeinrennen, wo ich auf solchen Oberflächen die Devise hatte: je schneller man fährt umso weniger wird man im Dreck stehenbleiben“. Also tief einatmen und volle Pulle los!

Entweder erlebte ich einen Supertag oder meine Chefin hatte etwas Besonderes in mein Frühstücksmüsli gemischt aber der Hügel wurde ohne großes Problem gemeistert und ich erreichte allein den schön, ordentlich gepflasterten und ganz schlammfreien Bauernhof.

Erleichtert rollte ich entspannt weiter, allerdings wurde in einem Sekundenbruchteil alles ganz anders. Ein riesiger Hund, lief aus dem Schatten und im besten militärischen Textbuchstil griff er an der offenen Flanke an.

Es ist anzunehmen, dass Chris Hoy oder Max Levy, bessere Trainingsmethoden benutzten um Sprintweltmeister zu werden, aber für einen ambitionierten Radrennfahrer, der keinen persönlichen Trainer oder Rennbahn in der Nähe hat, tut ein bissiger Vierbeiner in vollem Tempo Wunder um diesen notwendigen plötzlichen Tempowechsel zu erreichen.

Irgendwie kam ich unverletzt durch, fand den Zufluchtsort der Straße und mit klopfendem Herz und keuchenden Lungen sah ich zu als Bello langsam zu seinem Wachposten zurückschlenderte.

Er hatte den Anglo-Saxon Eindringling erfolgreich abgewehrt, eine Ehrensache.

Ich wartete spannend auf meinen Radkameraden. Lautes Bellen signalisierte ihr Herannahen, ich erlaubte mir ein kleines Grinsen, war aber schnell überrascht als sie unverletzt um die Ecke kamen. Bello hatte entweder keine Angriffslust mehr oder er hat W. und H. als freundliche alliierte Bayerische Truppen anerkannt und erlaubte ihnen freie Passage durch sein Territorium.

Wir fuhren weiter,- „so groß war Bello nicht“ – behauptet W. Das mag sein aber Wolfgangs Brille war immer noch etwas verschmiert und es war auch gut möglich dass Bello seine kleine Schwester zum zweiten Angriff geschickt hätte.

Für mich war Bello eine Verkörperung des „Hound of the Baskervilles“.

von Norman G.