Rennbericht: RiderMan 20.-22.09.2019, Bad Dürrheim (Schwarzwald)

“RIDE LIKE A PRO” auf 3 Etappen durch den schönen Schwarzwald…

Der 20. Jubiläums RiderMan stand dieses Jahr fest in meinem Rennkalender. Begeistert von meinen bisherigen Teilnahmen bei diesem Event nahm ich daher voller Vorfreude die alleinige und doch recht weite Anreise nach Bad Dürrheim (ca. 4h) in Kauf. Vor Ort teilte ich mir unweit des Start-/Zielbereichs eine niegelnagelneue FeWo mit meinem Kumpel Benny und seiner Familie. Die Saison verlief recht gut und die aktuellen Leistungsdaten stimmten mich überaus positiv, neben viel Spaß auch eine TOP50-Platzierung bei diesem Event erreichen zu können. Ob mir dies gelingen sollte, könnt Ihr in diesem Rennbericht nachlesen.

Wer dieses Event nach 20 Jahren immer noch nicht kennt, schaut doch einfach mal hier: https://riderman.de/

Ergebnisse: https://www.abavent.de/anmeldeservice/riderman2019/ergebnisse


1. Etappe, Fr.: Einzelzeitfahren 16,0 km / 200 Hm (Wie ein schweizer Uhrwerk…)

Zum Auftakt jeder gegen die Uhr. Startabstände von nur 15 Sekunden. Chasing Cancellara (https://www.chasingcancellara.com/) – Wahnsinn! Motivation. Die Aufregung steigt – die Nervösität auch. Spezifisch traininiert: nein. Zeitfahrrad: nein. Startbeutel: ja. Startnummern kleben, Transponder befestigen, Sicherheitsnadeln durch den Zeitfahranzug stechen, Zeitfahranzug anziehen, Unterhemd stört, Zeitfahranzug wieder ausziehen, Unterhemd weg, Zeitfahranzug wieder an, Startnummer reißt aus, Sicherheitsnadel erneut durchstechen, Flasche füllen, Reifendruck prüfen, Schuhe binden, … , es nimmt und nimmt kein Ende. Die Startzeit steht aber unumstösslich vor Augen: 15:21:45. Jetzt aber los…
Der Wind bläst kalt. Warmfahren war geplant. Nur noch 20min bis zum Rampenstart. Den Hügel hinter Bad Dürrheim mal kurz rauf und runter. Muss reichen. Startnummer schon wieder ausgerissen. Sicherheitsnadel erneut durchstechen. 15:20. Einreihen in die 15sec-Abstandsreihe vor dem Rampenstart. Wo ist eigentlich Cancellara? “Jens vom Radsport Team Gaimersheim” dröhnt durch die Beschallungsanlage. Aufsatteln: 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – Abflug!

Hände um die Shifter. Raus aus Bad Dürrheim – rein in den Berg. Unterlenker. Den Tacho im Blick: 300 Watt. Läuft. Andere Starter nun direkt vor mir. 400 Watt. Mach locker! Überholvorgang abgeschlossen. Nächster bitte. Er wehrt sich, aber nicht mehr lange. Wieder einen kassiert. Er beschleunigt, will sich festbeißen. Motorrad neben uns – Ermahnung vom Streckenordner – 6m Mindestabstand! Er muss gemeint sein. Ich fahre weiter – immer noch zu hart – immer noch auf der “Scheibe” (naja, es sind nur 50 Zähne). Kuppe erreicht, durchschalten, flach machen. Vollgas – bzw. das was bergab mit 300 Watt halt rauskommt. Kreisel ungebremst, Autobahnbrücke, Wendepunkt fast erreicht. Schon 12min. Kopfrechnen. Im Hinterkopf die 24:07 min von 2016. Die muss einfach fallen. 12×2. Oje, das wird eng. Jetzt durchziehen. 300 Watt. Im Niemandsland. Keiner mehr vor mir. 290 Watt. 280 Watt. Die Beine brennen doch schon. Bis zur Kuppe eine Ewigkeit. Vorfreude auf die Abfahrt der steilen Bergseite. Kein Tritt. Nur Aero. Durchschnauffen. Jetzt nochmal alles geben. Aber kann man hier noch Zeit gut machen? Nein, eigentlich nur verlieren. 350 Watt. Da ist noch einer. Überholt. 500m noch. 300 Watt. Beine brennen, brauchen Motivation. Kopf aber beschäftigt mit den Sekunden nach der 24. Minute. Ich rolle durch den Zielbogen. 24:33min – P217 Männer. Ernüchterung. Duschen, essen, zurück zur Strecke. Mal schauen wie das richtig geht… Cancellara rollt von der Rampe. Begleitmotorrad, Übertragung auf die TV Leinwand. Ein Uhrwerk. Wie in alten Tagen. Was mich noch aufheitern könnte – ein Bild mit dem Star des Tages (wenn auch nicht Tagesschnellster).

2. Etappe, Sa.: Straßenrennen 121,0 km / 1.850 Hm (Kaiserwetter zur Königsetappe…)

Blauer Himmel – klirrende Kälte. Den Weg zum Bäcker nur dick eingepackt. Aber Sonne wo keine Wolken. Die Créme steht schon bereit. Heute alles etwas stressfreier. Start um 11:45 Uhr. Klasse. Kurz-kurz von Maisch – passt perfekt. Einrollen am ersten Anstieg: Hirschhalde. Gleich geht es hier mit voller Power hoch. Warum? “Nur” Startblock B für meine Zeit vom Vortag. Aber heute will ich ja ganz nach vorne…

Einreihen in den Startblock. Alle stehen falsch herum? Was ist denn hier los? Geht wohl gar nicht zur Hirschhalde. Andere Strecke als 2016? Hätte ich doch mal den Streckenplan studiert. Naja…richte mich mal so aus wie die anderen über 600 Teilnehmer. Grußworte – Countdown – Startschuss! Neutralisiert – von wegen. Ja klar, vorne, hinter dem Fahrzeug der Rennleitung. Aber 200 Plätze weiter hinten – Pustekuchen. Kampf um jeden Platz. Ab durch die Innenstadt. Wie die Ratten. Bürgersteig hoch, Bürgersteig runter. Links herum, rechts herum. Der erste Sturz. Der erste Defekt. Jetzt einfach nur sitzen bleiben!

Geht ja doch zur Hirschhalde. Auf Umwegen – aber auch schön. Sogar besser! Neutralisationsfahrzeug beschleunigt – Rennen freigegeben. 10% Steigung – Vollgas. Jetzt alles reinwerfen. 500 Watt und mehr. Der Anstieg ist nicht lang. Ich fliege nach vorne. Über die Kuppe ans Hinterrad – ausruhen. Die Spitze im Blick. Links ab auf einen Feldweg. Gleich der nächste kurze Anstieg. Nochmal den Motor überdrehen, dann ernten. Erste Welle, kein Problem. Dann die Bergwertung in Sicht. Aber was für eine Rampe – die zieht sich. Etwas rausnehmen. Sortieren, Gruppen im Blick behalten, Hinterrad nicht verpassen. Es läuft. Aber kein Kreisel. Einzelkämpfer an der Gruppenspitze verausgaben sich. Warum kein Kreisel? Vor uns eine andere große Gruppe. Vielleicht die Spitze? Verdammt nochmal, “Kreiseln”! Es wird besser. Ich investiere viel. Wir kommen nach vorne. Gruppe um Gruppe. Macht Spaß. Motorräder hupen, fahren vorbei. Fotographen überall. Zuschauer in den Ortschaften. Sonne pur. Und nun in die wunderschöne Wutachschlucht auf 100% gesperrten und gesicherten Straßen – einfach traumhaft!

Die Beine werden schwerer. Jeder Anstieg tut weh. Die Gruppe ist stark. Am Berg zu stark. Aber auch im Flachen zu stark um jetzt abreißen zu lassen. Da muss ich mit. Wieder andocken – weiter. Es geht schon noch. Noch ein Anstieg. Den kenne ich noch von 2016 – oje, der ist lang. Ich falle zurück. Aber nicht alleine, auch die “kraftvollen” Loks für die Zeit nach dem Anstieg. Ich nehme raus. Wir formieren uns nach der Bergwertung, harmonieren gut. Profitieren aber von einer belgischen Power-Lok. Bergab kann ich helfen. Aber warum trete ich mit über 150 rpm? Kette will nicht mehr runter. Die letzten 5 Ritzel fehlen. Shit. Schalte immer wieder. Geht nix. Kurbeln. “Sorry Jungs!” Werde aber mitgenommen. Und es läuft. Zurück in der ursprünglichen Gruppe. Nichts verloren. Perfekt.

Computer sagt 1800 Hm. Da kann also nichts mehr kommen. Das Ding nur noch heimrollen. Oder? Och ne, den Streckabschnitt hier kenne ich noch. Rechtskurve. Da ist das Ding. Nicht lang, aber eben bergauf. Letzte Power aktivieren. Aktiviert aber auch den Krampf. Innerer rechter Oberschenkel – Dolomiti lässt grüßen. Nicht schon wieder absteigen und den anderen Teilnehmern zuwinken. Also rausnehmen. Ich lasse die Gruppe fahren. Eiere den Anstieg alleine hoch – Kraftverteilung 70/30. Sind zu zweit – wohl auch Krämpfe der Kollege. Motorrad bleibt neben uns. Ich möchte mit dem Ledergekleideten tauschen. Er reicht mir zumindest eine Trinkflasche. Ride like a pro – Leid like a pro.

Noch 10km. Das ist nix. Aber ich bin durch. Gegen den Krampf. Gegen die Uhr. Alleine. Noch 5km. Bergab. Irgendwie ins Ziel retten. Blick zurück – ach schreck. Da ist die Gruppe. Es sind viele. Verdammt viele. Gegenwehr – aussichtslos. Sie haben mich. Jetzt nicht durchfallen. Andocken. Mitrollen. Schadensbegrenzung. 1km noch. Welle über die Bundesstraße. Alle schon im Sprintmodus um Platz 94. Geht nichts mehr bei mir, auch egal. 129 vor mir über den Strich. Ja die Gruppe war groß. Leistung ok, Ergebnis ok – aber da war heute viel mehr drin. Zumindest ein Erfolg: Mit der Vermutung auf Schaltzuganriss lag ich goldrichtig…

3. Etappe, So.: Straßenrennen 99,0 km / 1.220 Hm (Von der Vuelta zum Happy End…)

Aufwachen, Handy checken. Normalität. Die Ergebnislisten und Startblockeinteilungen sind verfügbar. Wieder Block B. Ok – bin ja jetzt geübt. Klassement nach Altersklassen – mal gucken. P50. Achso – hey. TOP50 Ziel. Alterklasse – na logo. Ich bin wach. Wer trinkt den ganzen Kaffee? P50… nach vorne wenige Sekunden. Nach hinten aber auch. Tagesziel neu definiert: P50 (AK) verteidigen. Immerhin 170 Klassenfahrer. Motivation. Wetter passt auch. Kurz-Kurz – wenn auch bewölkt. Ab in den Startblock – wie gestern. Falschherum. Ich verstehe. Wer labert da vorne noch? Blick auf die Videoleinwand. Einer im orangenen CCC-Gewand, etwas bärtig. Ui – kennt man ja. Der Simon Geschke. Wahlheimat Freiburg – da nimmt man das als Training mal mit. Cool der Simon! Und noch einer. Bahrain Merida, frisch von der Vuelta. “Beste Vorbereitung für den RiderMan” scherzt er, der Heinrich Haussler. Ich bin begeistert.

Startschuss. Neutralisiert vorne – Rennen hinten. Wie gestern. Heute will ich nach vorne. Ab auf den Bürgersteig. Vor und hinter mir der gleiche Gedanke. Wir fliegen am Feld vorbei. Der Countdown zur Rennfreigabe läuft. Fast ganz vorne. Genial. Nun wieder die Hirschhalde stürmen. Es brennt – aber ich bin dran. Mit der Spitze zum nächsten Anstieg. Auch wieder das Ding von gestern. Tempo brutal. Wollen mich Geschke und Haussler los werden? Scheint so. Das kann ich nicht mitgehen. Falle im Anstieg in die Verfolgergruppe. Zurück nach Bad Dürrheim. Durch die Stadt. Hunderte Zuschauer. Tolle Atmosphäre. Motorräder mit Ersatzmaterial, Trinkflaschen oder Fotografen. Drohnen am Himmel. Was für ein Event!

Die Gruppe wird kleiner und wieder größer. Im Flachen Tempo bolzen. Perlenkette am Anstieg. Nichts steiles. Aber Tempo macht es mindestens genauso hart. Mit 50 Sachen und 50 Radlern leicht bergab. Was macht das Motorrad mitten in der Gruppe? Es wird langsamer. Nach und nach rollen wir vorbei. Trinkflaschen links und rechts sind hinter dem Biker serviert. Viele greifen bei voller Fahrt zu. Als wäre es das Normalste. Ride like a pro.

Heute läuft es. Ich fühle mich stark. Kein Problem in der Gruppe. Nur noch die “Bonus-Bergwertung”. Innerorts. Um die Kurve. Steil. Noch eine Kurve. Richtig steil. Letzte Rampe. Die italienische Katzenmauer oder der Frankfurter Mammolshainer lassen grüßen. Atmosphäre ebenso. Zuschauer, Musik, Stimmung. Alle aus dem Sattel. Die Gruppe bleibt zusammen. Hirschhalde runter – Tempo 80 und mehr. Kein Risiko. Zielgerade. Tagesplatzierung egal. Sekunden aber nicht herschenken. Ich sprinte inmitten der Gruppe mit. Kontrolliert – Verteidigend. Zielstrich überquert – zufrieden. Gesamtwertung? TOP50 (AK) erreicht? Banges Warten. Man muss sich ja an etwas aufreißen. Handy wieder checken. Happy End: P40 AK. P100 Gesamt. Kann ich mir zumindest einfach merken. Nächstes Jahr dann wirklich P50, oder? Nun ab in die Therme, Bad Dürrheim hat ja schließlich noch mehr zu bieten…

Euer
Jens

Info: Die 21. Ausgabe des RiderMan steht bereits in den Startlöchern und ist vom 18. bis 20. September 2020 terminiert.