Welcome to Hell! Paris Roubaix Challenge

Welcome to Hell - die Paris Roubaix Challenge am 13.4.2019

Eigentlich wollten wir nur noch einen kleinen Gute-Nach-Trunk an der Hotelbar zu uns nehmen als plötzlich ein vermutlich englischer Radsportler auftauchte und begann sich mit uns zu unterhalten. Auf die Frage wie wir uns den Wald von Arenberg vorstellen müssen, kam die prompte Antwort: „Stellt euch das Schlimmste vor - und doppelt so schlimm wird es dann“. Nachdem wir ja zum „Eirolle“ schon ein fünf Sterne Segment, den Carrefour de l’Arbre absolviert hatten, konnten wir uns das kaum vorstellen, doch die Realität sollte uns nach 90km einholen…

 

Die Vorbereitung

Aber Alles der Reihe nach. Wer den Bericht unserer Teilnahme an der Jedermann-Flandernrundfahrt sorgfältig gelesen hat, wird bestätigen können, dass wir bei den Klassikern nicht gleich mit Paris Roubaix einsteigen wollten. Dass wir es aber mit der Königin der Radsportmonumente aufnehmen wollen, stand eigentlich schon länger fest. Nur der Zeitpunkt war offen, bis zum November 2018. Schnell fand sich eine kleine Gruppe, die sich mit dem unbarmherzigen Kopfsteinpflaster anlegen wollte und sich für die Paris Roubaix Challenge verbindlich angemeldet hat. Das Format entspricht einer RTF, d.h. ohne Gesamtzeitnahme, jedoch mit drei Sektoren mit Zeitmessung. Die Strecke führt über alle Paves, die auch die Profis am Folgetag unter die Räder nehmen, jedoch ist die Gesamtlänge auf 172km gekürzt. Bei 55km Kopfsteinpflasterpassagen sollte aber auch das eine sehr ernst zunehmende Herausforderung werden.

Die Vorbereitung lief gut - den ein oder anderen von uns konnte man hin und wieder am Eichstätter Residenzplatz bei Reifen bzw. Reifenluftdrucktests erwischen. Ob das französische Kopfsteinpflaster in der Intensität dem der Domstadt entsprach? Wir konnten uns nicht vorstellen, dass es wirklich so viel schlechter sein könnte, schließlich wird die Armmuskulatur auch auf dem erzkatholischen Geläuf schon unter hoher Frequenz strapaziert.

Schließlich war der Tag gekommen, an dem Bernhard, Alex, Toni, Sascha und unser Gastfahrer Matthias die Reise nach Frankreich auf uns nahmen. Die knapp 800 km vergingen dank guter Stimmung wie im Flug und wir steuerten direkt das legendäre Radstadion in Roubaix an. Nach einem kurzen Blick ins Stadion stieg die Vorfreude auf „unseren“ Tag am Samstag enorm. Nach einem super Abendessen in einer Food-Truck-Halle gingen wir früh ins Bett, schließlich sollte uns um fünf Uhr morgens der Shuttle Bus zum Startort in Busigny bringen. Zwischen Abendessen und Bett ereignete sich noch die bereits zu Beginn beschriebene Szene, die uns doch nochmal zum Grübeln brachte. Passt der Reifendruck tatsächlich, den wir uns überlegt haben? Wie viele Ersatzschläuche sollten wir mitnehmen? Werden sich durch die Erschütterungen Schrauben lösen? Wie lange werden wir mit den Folgen des Rennen körperlich zu kämpfen haben?

90km bis Arenberg

Um halb Vier klingelte am Samstag der Wecker. Zugegeben: Um diese Uhrzeit schaut jeder erst einmal blöd aus der Wäsche und stellt die Grundsatzfrage: Warum tue ich mir das an? Noch dazu waren frostige Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt auf dem Weg zum Shuttle Bus nicht gerade stimmungsaufhellend. Bei knapp 1,5 Stunden Fahrtzeit im Bus war aber noch genügend Zeit für ein Power Napping, allerdings mit einem bemerkenswerten „Hallo-Wach-Effekt“. Das Thermometer des Reisebusses zeigte für die Außentemperatur exakt Null Grad an. Der Garmin war leider noch ehrlicher: Minus Zwei bei starkem Nord-Ost Wind. Das muss wirklich die Hölle des Nordens sein!

Der Start erfolgt ohne Startschuss, ohne Startaufstellung oder Dergleichen. Jeder fährt los, sobald er startklar ist. Diesem Vorgehen folgten wir natürlich und hielten uns an die uralte Regel: Watt macht Wärme! Wir legten eine ordentliche Geschwindigkeit an den Tag um möglichst schnell Betriebstemperatur zu erreichen. Nach 5km spürte man seine Fingerspitzen kaum mehr, nach 10km wurde es schon wieder deutlich besser. Dies war auch bitter nötig, schließlich wartete nach 11km die erste von insgesamt 29 Kopfsteinpflasterpassagen auf uns. Mit einem zwei Sterne Segment begann das Gerüttel relativ sanft. Die Sterne Klassifizierung wurde uns nach und nach klar. Je nach Intensität des Pflasters, kombiniert mit der Länge des Abschnittes ergibt sich eine Einstufung zwischen zwei und fünf Sternen. Die Paves 28 bis 25 (Nummer 26 war der erste von Dreien mit Zeitmessung) folgten sehr kurz aufeinander und waren mit zweimal vier Sternen schon eine ordentliche Herausforderung. Die auch von den Profis empfohlene Vorgehensweise, Vollgas in den Sektoren zu geben und locker dazwischen war wirklich optimal, so dass wir die Segmente gut überwinden konnten. Bis ca. Kilometer 80 kamen wir so gut voran, bis die ersten Vorboten in Form von Straßenschildern mit der Aufschrift „Arenberg“ und schließlich der aus den TV Übertragungen nicht zu übersehende Förderturm der ortsansässigen Minen den mit Abstand schlimmsten Sektor des Tages und gleichzeitig wohl eine der berühmtesten Radsportlokalitäten der Welt ankündigten. Sollte es wirklich so schlimm werden wie es uns der Kollege am Freitag Abend schilderte? Wir konnten es uns immer noch nicht vorstellen. 

Die Mauer von Geraardsbergen hat schon für viele Vorentscheidungen bei diversen Rennen in Belgien gesorgt, in Alpe d’Huez hat Marco Pantani eine Show für die Ewigkeit geliefert und die Champs-Élysées ist die prestige-trächtigste Sprintankunft der ganzen Radsportsaison. Aber was in Arenberg abgeht, entbehrt jeglicher Vorstellungskraft wenn man es nicht live selbst erlebt hat. Unter den Klängen von Highway to Hell der australischen Band AC/DC fährt man in den schnurgeraden Abschnitt, von dem man meinen könnte, er sei dadurch entstanden, dass von einem Flugzeug Pflastersteine abgeworfen und durch einen Bergepanzer einigermaßen in eine straßenähnliche Form gebracht wurden. Durch die sozialen Medien geisterten Fotos, auf denen eine Cola Dose liegend formschlüssig in der Spalte zwischen zwei Pflastersteinen verschwand. Doch nicht nur die Spalten zwischen den Steinen machten den Abschnitt nur grenzwertig passierbar, auch der Höhenunterschied der Brocken zueinander, der zum Teil vergleichbar mit einem handelsüblichen Randstein ist machten die Fahrt recht ungeschmeidig. Doch auch in diesem scheinbar unüberwindbaren Pave war Geschwindigkeit der Heilsbringer. Leider in unserem Fall nicht wirklich gut möglich. Sowohl die Anfahrt verlief aufgrund einer geschlossenen Bahnschranke nur suboptimal und im Segment selbst herrschte starker Verkehr, v.a. weil nun auch die ersten Teilnehmer der mittleren Strecke zu unserer Runde stießen. Normalerweise kann man die Anfahrt nutzen um mit gut 50km/h in den Abschnitt zu donnern und so die ersten hundert Meter zu „überfliegen“. Glücklicherweise konnten wir aber alle den härtesten Abschnitt der Veranstaltung ohne Sturz oder technischen Defekt überwinden und die weiteren Segmente in Angriff nehmen. Um zu verdeutlichen, was hier bei den Profis abgeht, hier unsere Durchfahrtszeiten bei Strava für das Segment „Trouee d´Arenberg“ über 2,2km:  5:24min bis 7:09min. Marcus Burghardt vom Team Bora Hansgrohe absolviert diesen Abschnitt im Renntempo in 3:35min (Stundenmittel 38km/h). 

Halbzeit

Die Erschütterungen ermüden die Beine zusätzlich zur immer wiederkehrenden Belastung in den Kopfsteinpflasterabschnitten. Dennoch fühlten wir uns auch bei Halbzeit noch gut und gingen die zweite Hälfte an, in denen noch zwei weitere fünf Sterne Segment auf uns warteten, der Mons-en-Pevele (Segment 11 mit 3km Länge) und kurz vor Schluss (Nummer 4) der bekannte Carrefour de l’Arbre, der der dritte Abschnitt mit Zeitmessung war. Der harte Wind aus Nordosten nahm stetig zu, so dass neben den Paves nun auch die Abschnitte auf der normalen Straße einen hohen Krafteinsatz forderten. Schließlich erreichten wir aber nach über 150km den berühmten, kurvigen Carrefour de l’Arbre und versuchten hier nochmal Alles zu geben. Da wir den Abschnitt schon am Vortag zum Herantasten gefahren sind, konnten wir uns eine gute Linie aussuchen und somit möglichst effizient die letzte große Herausforderung meistern.

Der Rest ist schnell erzählt: Zwei weitere kurze Abschnitte, eine Brücke über die Autobahn und schließlich die schnurgerade Avenue Roger Salengro, von der aus ein Rechtsknick in das altehrwürdige Radstadion von Roubaix führt. Wir konnten die Einfahrt ins Stadion sicher mehr genießen als die Profis, die sich hier noch auf den letzten Metern einen spannenden Kampf um einen der wohl begehrtesten Siege im Profi-Lager liefern. Kurz aufeinander erreichten wir das Ziel und gönnten uns noch im Stadion eine klassisch belgisch/französische „Delikatesse“: Burger mit Pommes. Nach dem Ritt durch die Hölle des Nordens waren wir der Meinung uns das verdient zu haben.

Das Profirennen

Nach ein paar Minuten Erholung im Hotel machte sich Stolz in uns breit und wir fieberten dem Profi  Rennen entgegen, natürlich auch aufgrund der Tatsache, nun mitreden zu können, wie sich das Geballer über das Pflaster anfühlt. Die Sortierung der drei gemessenen Abschnittszeiten ergab, dass wir uns für die Prämiere sehr gut geschlagen haben und uns auf Kopfsteinpflaster auf keinen Fall verstecken brauchen.

Bei der Flandernrundfahrt herrscht in Belgien Ausnahmezustand: Das gesamte Land ist auf den Beinen und es herrscht Volksfeststimmung. Zumindest die Stadt Roubaix, die von Industrie geprägt und das ein oder andere etwas dubiose Stadtviertel beherbergt, konnte diesen Status nicht erreichen. Im Stadion, für das wir Karten hatten, herrschte eine grandiose Stimmung zwischen vielen internationalen Radsportfans. Spätestens als sich der Hubschrauber der TV Übertragung näherte und Philippe Gilbert und der deutsche Nils Politt in das Stadion einfuhren waren v.a. die belgischen Fans außer sich. Als schließlich noch ihr Landsmann als Erster die Hände zum Jubeln nach oben reißen konnte, war der Großteil der Menge überglücklich und die Übergabe der Trophäe mit dem großen Pflastersteins konnte gebührend gefeiert werden. Wir hätten uns natürlich gefreut wenn unser Landsmann das Monument hätte gewinnen können aber im Vergleich zu Gilbert hat er ja noch ein paar Jahre Zeit.

Was bleibt?

Die Königin der Klassiker, die Hölle des Nordens… Sie ist sicherlich nicht jedermanns Sache und viele schrecken vor der Belastung für Mensch und Maschine zurück. Zugegeben: Man muss sich schon auf die Sache einlassen. Wenn man das aber tut, erlebt man aus unserer Sicht das Nonplusultra der Klassiker. Kein Rennen ist spezifischer, keines trennt mehr die Spreu vom Weizen und bei keinem ist der Vorher-Nachher Effekt in den Gesichtern extremer erkennbar. War es zu früh, den harten Ritt auf sich zu nehmen? Hätte es nicht vorher Lüttich-Bastogne-Lüttich oder die Jedermannversion von Gent Wevelgem getan? Sicher nicht, unsere Empfehlung ist: Paris Roubaix sollte man als begeisterter Radsportler erlebt haben, am Besten gleich in 2020. Ob wir gleich wieder mit am Start stehen, ist noch nicht klar. Eines aber ist passiert: Die obligatorische Whatsapp Gruppe trägt einen neuen Namen - so wie am Montag nach der Teilnahme an der Flandernrundfahrt. Und soviel sei verraten: Es treibt uns wieder gen Norden.

For RTG, Alex

 

Fotos by Sportograf & RTG