Mailand oder Madrid? Hauptsache Italien! Strade Bianche 2019

Strade Bianche - die weißen Straßen der Toskana

Was treibt uns eigentlich dazu, mit 13 Mann samt Kind und Kegel Anfang März 800km in den Süden zu fahren und an einem italienischen Lizenzrennen, das zu einem großen Teil über Schotter verläuft, teilzunehmen? Rational lässt sich das sicher nicht begründen. Nein, es ist die Lust auf mehr nach unserer emotionalen Teilnahme an der Hobbyversion der Flandernrundfahrt 2018. Natürlich hofft man im Hinterkopf auch auf zweistellige Temperaturen und die mediterrane Sonne wenn das Ziel Siena heißt. Die im 13. Jahrhundert gegründete Stadt zählt als Schönste in der Toskana, was wir unter anderem aufgrund der einzigartigen Zielankunft bestätigen können. Aber dazu später mehr.

Boris, Anton, Alex, Stefan, Matthias, Günter, Brunni, Patrick, Werner, Bernhard, Sascha, Jan, Franz und Tom als Gast machten sich mit drei VW Bussen, zwei Kombis sowie einem Wohnmobil auf den Weg "zum südlichsten Klassiker des Nordens". Auf zwei Standorte verteilt, kamen wir alle am Freitag, den 8. März 2019 in Siena an, bezogen die Zimmer bzw. den Campingplatz und machten uns mit den Rädern auf den Weg in die Stadt. Bereits am ersten Tag konnten wir die Sonne genießen, auch wenn man sich vom mediterranen Flair nicht täuschen lassen durfte - in den engen Gassen der mittelalterlichen Altstadt pfiff  ein kühler Wind hindurch. Den ersten Abend ließen wir in einer typisch italienischen Bar gemütlich ausklingen und hatten für den Samstag bereits einen Plan im Kopf: Mit einem sauberen zeitlichen Vorsprung vor dem Profirennen starten, die selbe Strecke in Angriff nehmen und dann an einem der berüchtigten Schotterabschnitte die "Großen" vorbeifahren sehen.

 

Gedacht, Getan!

Am späten Samstagvormittag starteten wir Richtung Süden um uns an der längsten, zusammenhängenden Steigung am Straßenrand für das Profirennen zu positionieren. Auf dem Weg dorthin passierten wir den ersten Schotterabschnitt, dem beim Amateurrennen bereits Einer zuvorkommen sollte. Um ehrlich zu sein war ich doch etwas überrascht, wie ruppig die Nebenstrecken zum Teil sind. Faustgroße Steine sind tief im feinen Schotter vergraben und lassen die Felgen den Reifen anflehen, bitte nicht durchzuschlagen um den Schlauch somit ins Jenseits zu befördern. Die trockenen Tage zuvor sorgten außerdem dafür, dass sich viel feiner, loser Sand und Geröll gebildet hatte und man merklich aufschwamm. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit hatten wir uns aber an die Gegebenheiten gewohnt und waren optimistisch für unseren Renntag, auch wenn die Angst vor einer Panne nicht grundlos zu sein schien. Bei herrlichem Wetter standen wir mit gezückten Kameras bereit und es kamen sogleich Erinnerungen an Flandern hoch, als wir in der Ferne die Staubwolke, die das Peloton samt den Begleitfahrzeugen aufwirbelte, näher kommen sahen. Kurz nach den Fahrzeugen von Bora-Hansgrohe, Sky und Co zogen die Profis mit hohem Tempo an uns vorbei. Anders als in Flandern waren zumindest an dieser Position nicht sonderlich viele Zuschauer vorbei, so dass man dem Ein oder Anderen direkt in die angestrengten Augen blicken konnte.

Nachdem der große Tross vorbei war, setzten wir unsere Fahrt fort und näherten uns wieder unserer Unterkunft, um frisch geduscht den Zieleinlauf auf der Piazza del Campo live miterleben zu können.

Die Stimmung war wirklich grandios, als Julian Alaphilippe, Jakob Fuglsang und Wout van Aert, der die beiden Erstgenannten kurz vor der Flamme Rogue mit einem starken Solo einholen konnte, den letzten Kilometer in Angriff nahmen. Wer die Strecke kennt weiß, dass sich den Profis auf den letzten Hundert Metern eine gewaltige Rampe mit gut 18% in den Weg stellte. Hier zeigt sich, wer die letzten Körner mobilisieren und jubelnd auf dem berühmten Markplatz die Arme nach oben reißen kann. In diesem Jahr war es der Franzose Alaphilippe vom Team Deceneuninck-Quick-Step, der in einem spannenden Sprint die besseren Beine hatte. Mit den Eindrücken im Kopf und bestem italienischen Essen im Magen, gingen wir früh ins Bett um am Sonntag, unserem Renntag fit an der Startlinie zu stehen.

 

Sonntag: Granfondo Strade Bianche

Am Sonntag war es also nun soweit. Die Frage, wie sich ein 140km Rennen Anfang März bewältigen lässt, wird endlich beantwortet. Die Startpositionen wurden vom Veranstalter festgelegt, so dass weit hinter den Ersten über die Startlinie rollten. Knapp 10 Minuten vergingen, bevor die individuelle Zeit begann. Das Rennen startete schnell, sehr schnell sogar. Um viele Plätze gut zu machen, gingen viele von uns ein hohes Starttempo an, so dass der Tacho nach einer Stunde Rennzeit ein Stundenmittel von fast 40km/h anzeigte. Im ersten Schotterabschnitt wagte ich kurz einen Blick auf meinen Garmin und konnte kaum glauben, dass wir hier mit 45km/h über einen Feldweg bretterten. Aber auch auf diesem Geläuf scheint die alte Regel zu gelten: Wenn der vor mir nicht stürzt, geht es bei mir sicher auch gut. Die Anzahl der Fahrer, die rechts und links am Straßenrand neue Schläuche in ihre Reifen einzogen toppte alles, was wir bis jetzt gesehen haben. Scheinbar scheint die Reifenwahl doch einen entscheidenden Faktor im Rennen gegen die Zeit und eine gute Platzierung auszumachen.

Der weitere Streckenverlauf ist schnell beschrieben: Entweder es geht bergauf oder bergab, entweder auf schlechtem Asphalt oder auf Schotter. Bei knapp 140km Gesamtlänge, verlaufen knapp 40 derer auf den "strade bianche", den weißen Schotterstraßen. Der längste Naturstraßenabschnitt maß stolze 9km und hin und wieder sah man neben den vielen Pannen auch gestürzte Fahrer am Straßenrand. Umso mehr stieg die Erleichtung, mit steigender Kilometerzahl weder unkomfortabel abgestiegen, noch flickend am Straßenrand zu stehen. Das hohe Tempo vom Anfang zollte gegen Rennende Tribut, vor allem die immer kürzer aufeinanderfolgenden steilen Rampen mit zweistelligen Steigungsprozenten auf losem Untergrund ließen die Kräfte schwinden und den ein oder anderen Muskel zum Krampf-Streik bringen. Seine persönliche Belastungsgrenze erreicht wohl jeder Fahrer auf dem letzten Kilometer. Während am Samstag noch Alaphilippe, van Aert und Co. alles aus sich herausholen mussten, stellte sich auch uns die Rampe mit mittelalterlichem Pflaster in den Weg. Von den vielen Zuschauern angefeuert, konnten wir alle den scharfen Rechtsknick am Ende des letzten, steilen Abschnittes erreichen und nach einigen weiteren Abzweigungen auf den einmaligen Piazza del Campo einrollen. Kurz aufeinandergestaffelt kamen wir ins Ziel und sammelten uns auf dem Pflaster.

Unsere Zielzeiten (hh:min:ss):

  • Boris 04:20:07
  • Toni 04:22:31
  • Alex 04:28:59
  • Stefan 04:31:44
  • Matthias 04:32:07
  • Günter 04:3X:XX (Leider funktionierte beim Günter die elektronische Zeitnahme nicht)
  • Brunni 04:35:44
  • Patrick 04:41:25
  • Werner 04:44:57
  • Bernhard 04:51:15
  • Sascha 04:51:15
  • Jan 05:38:16
  • Franz 06:26:09

Bei knapp 2000 zu überwältigenden Höhenmetern sicher eine respektable Leistung von jedem Finisher. Vor alle um diese Jahreszeit ist der Granfondo Strade Bianche eine harte Herausforderung für Mensch und Maschine.

Zufrieden kehrten wir nach dem Rennen in unsere Behausungen zurück und verabredeten uns für den Abend in der Innenstadt.

Gott sei Dank gibt es Google-Bewertungen, sonst hätten wir sicher nicht durch Zufall die sympathische Trattoria Pape mit dem netten Kellner, dem eine gewisse Zuneigung zum bajuwarischen Lebenstil nicht abzuerkennen war, gefunden. Nach bester Pizza, Pasta, Gelato oder sonstigen toskanischen Spezialitäten ging es ins wohlverdiente Bett.

 

Der gemütlichere teil

Natürlich war unser Hauptziel das Rennen am Sonntag. Um die weite Anfahrt aber sinnvoll zu nutzen, blieb der Großteil von uns zwei weitere, volle Tage in der Toskana. Den Ersteren nutzten wir als lockere Erholungsrunde vom Rennen. Mit locker gekurbelten Beinen wollten wir am Dienstag nochmal eine größere Runde angehen. Unser erfahrenster Fahrer zauberte am Abend verschiedene Antipasti und eine einzigartige Bolognese Sauce, die die harten Rennkilometer vergessen ließen. Am sonnigen Dienstag starteten wir eine Runde, die wohl definitiv zu den schönsten Touren zählt, die wir jemals gefahren sind. Die weitläufige, malerische Landschaft der Toskana sucht Ihresgleichen. Kaum bis schlichtweg überhaupt nicht von Autos oder LKWs befahrene Straßen ließen ein Urlaubsfeeling vom Feinsten aufkommen und spätestens beim mittäglichen Einkehrschwung war das mallorquinische Trainingslagerambiente erreicht, wenn nicht sogar übertroffen. Aprospos Trainingslager: Die Profilbeschreibung der Granfondo Runde lässt sich auch auf den Rest der Toskana übertragen: Entweder es geht bergauf oder bergab! Das spezifische Terrain führte dazu, dass wir nach gut 50 gefahrenen Kilometern bereits über 1000 Höhenmeter überwunden hatten. Die Toskana als Trainingslager ist definitiv eine Alternative zu diversen Inseln, man sollte aber bereits ein paar Grundlagenkilometer in den Beinen haben, sonst taucht an den wiederkehrenden Anstiegen die berühmt berüchtigte Schaufel auf... Auch den letzten Abend ließen wir geschmeidig ausklingen und die Nicht-Fahrer amüsierten sich noch aufgrund des Geburtstags eines Mitfahrers bis nach Mitternacht in einer der klassisch italienischen Bars im Herzen von Siena.

Zu guter Letzt bleibt nur noch eine Frage zu beantworten: Mailand oder Madrid? Hauptsache Toskana! Die malerische Region Italiens hat uns in ihren Bann gezogen und sicher nicht zum letzten Mal gesehen.

Mit der Romantik ist es aber nun erst einmal vorbei: Im harten Kontrast zu Italien wartet in knapp 4 Wochen die nächste Prüfung, die uns und unserem Material vermutlich noch mehr die Grenzen aufzeigen wird: Die Königin der Klassiker, die Hölle des Nordens: PARIS ROUBAIX

Und damit nicht genug! Auch die klassische Whatsapp Gruppe wurde bereits in ein neues Ziel umgetauft. Wohin es uns 2020 verschlägt, lest ihr wie immer hier, auf www.radsport-gaimersheim.de

for RTG, Alex