RTG Rennbericht: Eschborn-Frankfurt, Mo-01 MAI 2017

Wasserschlacht beim Rad-Klassiker

Bereits seit 1962 wird jährlich in Frankfurt Radsportgeschichte geschrieben, seit 1968 traditionell am Maifeiertag. Nach den früheren Namen “Rund um den Henninger Turm”, “Eschborn-Frankfurt City Loop” oder “Rund um den Finanzplatz Eschborn–Frankfurt” heißt das Event inkl. World Tour Rennen seit diesem Jahr kurz “Eschborn–Frankfurt”. Neben den Elite-/Junioren-Rennen und einer Skate-Challenge werden Jedermann-Rennen über die vier unterschiedliche Strecken 126km, 110km, 80km & 50km angeboten. Seit diesem Jahr gibt es nur einen Start (in diversen Geschwindigkeitsblöcken), so dass die Teilnehmer noch während der Veranstaltung die Streckenlänge wählen können.

Vom Radsport Team Gaimersheim machen sich neben mir auch Stefan H. und Toni W. auf den Weg nach Frankfurt. Bei über 5000 Teilnehmern müssen wir uns nicht wundern, dass unsere Anfahrt und Parkplatzsuche etwas ausgebremst wird. Doch wir finden in einem Geschäftsviertel noch ein Plätzchen, ziehen uns schnell um und können uns auf den immer volleren Straßen noch ein paar Meter warm fahren. Apropos, es ist “wärmer” als gedacht, das Thermometer zeigt schon ca. 11°C um 8 Uhr an. Also etwas Warm-Up-Öl auf die Beine, Knielinge zurück in die Tasche, kurze Handschuhe, Zehenwärmer für die Feldberg-Abfahrt und die Windweste über. Das sollte reichen…

Wir wollen alle drei die “Extreme” Streckenvariante in Angriff nehmen, wo in Zahlen aber lediglich 126km und rund 1500Hm zu bewältigen sind. Highlights sicherlich die anfängliche Hatz durch die City, dann der lange Roller-Anstieg auf den Großen Feldberg und am Ende die “Extra-Schleife” über den Mammolshainer Stich, ganz wie die Profis.

Wir reihen uns in den Startblöcken ein: Stefan und ich dürfen durch unsere Referenzzeiten vom Riderman 2016 in den Startblock 1B, Toni muss leider einen Block hinter uns starten. Der Startschuss fällt bei trocken-gutem Radwetter, wir geben gleich Vollgas. Unser Ziel zum ersten Startblock schnell aufzuschließen, gelingt uns problemlos. Doch es bleibt in dem großen Feld hektisch, jegliche Hindernisse und Engstellen führen zum Crash-Risiko. Bei einem Reifenplatzer eines Teilnehmers haben wir Glück, dass wir noch ausweichen können. Wir arbeiten uns daher weiter nach vorne, um sicherer und stressfreier bis zum Feldberg fahren zu können. Frühe Angriffe ignorieren wir einfach, doch verstecken tun wir uns nicht. Wir arbeiten konsequent an der guten Position und fahren stets in den vorderen 50 Positionen.

Im Anstieg zum Feldberg geht es dann wie erwartet sofort zur Sache: Die starken Bergfahrer und größeren Teams insbesondere Team Strassacker schlagen ein hohes Tempo ein, das große Feld zieht sich in die Länge und es sprengt überall Lücken. Wir waren gut positioniert, das zahlt sich zwar aus, wir müssen dennoch eine Gruppe an der Spitze Meter um Meter ziehen lassen. Ich finde mich in der ersten Verfolgergruppe wieder, die Leistung passt, die Beine fühlen sich gut an. Dennoch entscheide ich mich gegen den Versuch, die Lücke nach vorne krampfhaft zu schließen. Das würde sich rächen, sofern es mir überhaupt Gelingen würde. So fahre ich mit einem Rückstand von ca. 2min zur Spitze über die Bergwertung nach ~540Hm. Hier oben ist es verdammt kalt, nahe dem Gefrierpunkt, zudem neblig und ein leichter Fusel fällt herab, Schnee oder Regen, aber zunächst halb so wild…

Doch in der Abfahrt in den Taunus wird jedem klar, dass die Regenwolken hier bereits auf uns warteten. Es ist nass, richtig nass. Der Regen ist schon bald egal, viel schlimmer ist das Spritzwasser vom eigenen und den Rädern der anderen Teilnehmer. Mit Brille keine Sicht, ohne Brille das schmutzige Spritzwasser in den Augen. Keine Wetterbesserung in Sicht… das wird noch ein Spaß.

Meine Gruppe arbeitet über die Wellen im Taunus gut zusammen. Man kühlt aber immer schneller aus, an den kleineren Anstiegen tun die ersten Meter nun immer mehr weh, bis dann die Wärme durch die arbeitende Muskulatur wieder etwas zurückkehrt. Der Blick links und rechts verrät, dass alle ähnlich leiden und sich bei dem Wetter eigentlich Besseres hätten vorstellen könnten. Ich fühle mich den Umständen entsprechend gut, verpflege mich regelmäßig mit Energie und behalte die Kontrolle in der Gruppe. Nach vorne geht wohl nichts mehr, uns werden 4min Rückstand zur Spitze zugerufen. Bleibt natürlich die Frage, welche Strecke die Vorauseilenden am Ende einschlagen werden…

Im flachen Ausgang des Taunus geht es dann zur Sache: Immer wieder harte Attacken, die gewollt oder ungewollt die Kälte (~5°C) vergessen lassen. Es ist wieder Rennen angesagt, Wetter egal. Zunächst können alle Lücken wieder geschlosen werden, doch als wir uns mit den kürzeren Strecken und auch langsameren Teilnehmern “vermischen”, wird es so unübersichtlich, dass die große Gruppe immer mehr auseinander fällt.

Am Abzweig zum Mammolshainer Stich könnte ich auf 110km verkürzen, doch ich denke gar nicht daran. Schließlich habe ich vom letzten Jahr noch eine Rechnung mit dem Anstieg offen, wo ich leidgeplagt etliche Minuten verloren hatte. Wir gehen vielleicht noch zu zehnt in die Rampe und lassen uns von den vielen Zuschauern, der HR3-Musik und dem legendären Fan-Teufel Didi Senft hochtreiben. Drei Fahrer können sich absetzen, meine Muskulatur verhärtet immer mehr, ich muss etwas rausnehmen. Dennoch kann ich mich wiederrum mit zwei weiteren Mitstreitern auf den Weg in Richtung Ziel machen, den Rest haben wir abgeschüttelt. Ich kämpfe verbissen, gebe alles, nur noch das Hinterrad der beiden Mitstreiter im Blick. Es ist eine rasende Hatz beim erbitterten Kampf gegen die Kälte und die immer geringere Sicht. Ich halte irgendwie durch, auch Dank des Gels meines Mitstreiters Michael S. vom “Team Deutsche Kinderkrebsstiftung Cycling”. Er erkannte wohl meinen Energiebedarf und sah die verzweifelten Versuche, mit kaum spürbaren Fingern noch ein Gel unter der klatschnassen Windweste aus der Trikottasche zu zerren. Danke dafür, toller Sportsgeist!

Der Zielstrich war eine große Erlösung, ich wollte nur noch ins Warme. Kurzes Abklatschen mit meinen Mitstreitern, Dankesworte und Gel-Schuldenbegleichung an Michael – dann ab in Richtung Auto. Ich dachte an Toni und Stefan, wie es den Beiden wohl ergangen war. Sind sie noch auf der Strecke oder haben sie vielleicht abgekürzt aufgrund der harten Bedingungen? Plötzlich kam mir Toni entgegen, sichtlich angeschlagen und ohne Reaktion auf meine Zurufe. Oje…

Ab zum Auto, nasse Klamotten aus, Trockene an. Aufwärmen… Handy-Check: Nachricht von Stefan, Parkplatz nicht gefunden, aufwärmen im KFC. Ich schicke die Koordinaten durch, kurze Zeit später stehen wir zu dritt am Ausgangspunkt. Das war hart, wir sind alle sichtlich bedient. Aber heile im Ziel. Ab ins Auto und zum Italiener: Tee, Suppe, Pizza und Pasta – die Lebensgeister sind zurück und wir gucken anschließend den Profis von der Couch am TV zu. Wir können die schlechten Wetter-Bedingungen der Profis heute nur zu gut nachvollziehen… und doch können WIR uns Finisher des Rad-Klassiker 2017 in Frankfurt nennen. Das kann der Welt- und Europameister nach seiner Aufgabe in Frankfurt nicht…

Unsere Ergebnisse:
Stefan: Strecke 110km, P23 von 1362 , P10 AK, 03:02:06, 36.41km/h
Toni: Strecke 110km, P84 von 1362 , P35 AK, 03:09:38, 34.96km/h
Jens: Strecke 126km, P17 von 226, P6 AK, 03:28:30, 36.52km/h
Bericht von Jens