RTG race report: Engadin Radmarathon, So-03 JUL 2016

Zernez, Schweiz

von Marcel Nienhold

am 20. Jul 2016

 

Während sich ein sehr schlagkräftiges Team am 03 JULI beim Maratona dles Dolomites in Corvara (siehe Bericht) die Ehre gab, war ich in den glorreichen Farben des Radsport Team Gaimerheim – RTG in diesem Jahr als Einzelkämpfer beim Engadin-Radmarathon am Start. Dieses Jahr ist der Engadiner nicht Teil des Alpencups. Für mich mittlerweile eine persönliche Angelegenheit: Einerseits war es 2014 als blutiger Anfänger mein erster „größerer“ Radmarathon, andererseits hatte ich von 2014 und 2015 noch eine kleine Rechnung mit dem Albulapass offen. Aller guten Dinge sind ja drei: Schaun mer mal. Das Wetter ist allemal genial: Am Start 8°C trocken und sonnig. Und im Laufe des Tages in der Spitze 27°C, stets trocken und heiter bis wolkig. Besser geht’s gar nicht.

Das Event

Die harten Fakten: Mit Start und Ziel in Zernez, im Schweizer Kanton Graubünden gelegen, führt die (lange) Strecke über insgesamt 211 Kilometer und etwas mehr als 3.800 Höhenmeter. Dabei sind in Italien und der Schweiz insgesamt fünf Pässe zu überqueren, drei kleine und zwei große. Dazu später mehr. Notabene: Eine alternative Kurzstrecke führt über 97 Kilometer und rund 1.300 Höhenmeter und ist identisch mit dem ersten Teil der Langstrecke.

Strecken- und Rennverlauf

Vom Start weg geht es sofort in den ersten Anstieg: Bis hinauf nach Ova Spin wird der erste Teil des Ofenpasses und damit die ersten 400 Höhenmeter unter die Räder genommen. Durchschnittlich moderate 6% lassen ein zügiges Tempo zu. Da die erste Hälfte des Rennens zwar drei Anstiege enthält, insgesamt jedoch – zumindest „vorne“ – sehr schnell gefahren wird, habe ich mir vorgenommen mit so viel Druck wie möglich in den ersten Anstieg zu starten um eine gute Position im Rennen zu haben. So viel wie möglich um für die verbleibende lange Strecke und vor allem die letzten zwei großen Anstiege genug Körner übrig zu haben. Es stellt sich raus, dass das ganz gut klappt: Lediglich eine erste Gruppe mit ca. 20-25 Fahrern muss ich nach vorne ziehen lassen, da ich deren Tempo jenseits jeglicher Vernunft nicht halten kann und möchte. Ich befinde mich von nun an also quasi in der ersten Verfolgergruppe der Spitze, auch wir sind ca. 20 Fahrer. Einer kurzen Abfahrt folgt die Fahrt durch den gesperrten, jedoch engen und nur dezent beleuchteten Tunnel nach Livigno. Stets ein besonderes Gefühl, diesen zu durchfahren und vor allem am anderen Ende in der strahlenden Sonne auf der Staumauer wieder Tageslicht zu erblicken.

Die folgenden ca. 35 Kilometer sind geprägt von einem längeren Flachstück sowie den zwei Anstiegen zum Forcola di Livigno (400 Höhenmeter mit durchschnittlich 5%) und dem Berninapass (250 Höhenmeter mit durchschnittlich 8%). Beide unterbrochen durch eine kurze Abfahrt. Dieser Abschnitt sowie die folgende Abfahrt hinunter nach Samedan und das Flachstück zurück nach Zernez werden in einem – für mich – sehr hohen Tempo gefahren. Im Flachen wird kooperativ gekreiselt und an den Anstiegen bin ich arg an der Grenze der Vernunft um dranzubleiben. Ich erreiche mit der gleichen Gruppe Zernez in guter Verfassung. Dort kommt was kommen muss: Zwei Kilometer vor Zernez wird ein extrem hohes Tempo angeschlagen, dem ich nur noch im Windschatten folgen möchte. Der Grund dafür ist, dass das Rennen jetzt in Zernez für alle Fahrer der Kurzstrecke endet und diese um die Plätze sprinten. Von unserer ca. 20 Mann starken Gruppe verbleiben anschließend 8 Fahrer, die sich auf den zweiten Teil der Strecke begeben. Wir kreiseln gemeinsam die 6 flachen Kilometer bis Susch immer noch mit Vollspeed.

Bis hierher war es ein eher schnelles Rennen mit moderaten Bergprüfungen. Mein Garmin zeigt 35 km/h Schnitt an, was mir ein wenig Angst macht, überzogen zu haben. Die Angst sollte sich erfreulicherweise jedoch nicht bestätigen. Nun beginnen die wirklichen Anstiege, der Flüelapass liegt vor uns und stellt mit 13 Kilometer sowie knapp 1.000 Höhenmeter die erste wirkliche Prüfung für heute dar. Von nun an lasse ich mich nicht beirren und trete ganz stumpf meinen Stiefel. Die Gruppe von 8 zerfällt insofern, als dass 6 Fahrer sofort nach vorne weg sind und ich mit einem anderen Fahrer in ungefähr gleichem Tempo den Flüela hinaufsteige. (Alle sechs hatte ich bis zur Passhöhe des Albula übrigens wieder eingeholt, danke Stages!) Oben angekommen war ich dann erstmals allein. Die komplette Abfahrt nach Davos sowie die dann folgenden relativ flachen 35 Kilometer bis zum Beginn des Albulapasses bin ich komplett alleine, alleine im Wind. Auch hier, stumpf nach Wattmesser, bloß nicht überziehen, ich fühle mich recht gut.

Filisur, tief durchatmen, eine Flasche an der Labe auffüllen und dann geht es los, Albula, mein Freund, Feind und Scharfrichter: 2014 völlig eingebrochen und zwei Stunden gebraucht, 2015 bei Hitze und Krämpfen sogar halten müssen und auch zwei Stunden gebraucht. 23 Kilometer und noch einmal 1.300 Höhenmeter am Stück liegen vor mir. Zu Beginn des Anstiegs holt mich von hinten die Gesamtführende der Damen ein, markant erkennbar am uns nun stetig begleitenden Motorrad mit Kamera. Wir nehmen uns wenig und ziehen uns gegenseitig gut den gesamten Berg hinauf, ich komme oben kurz vor ihr an, wir füllen eine Flasche und vereinbaren im Anschluss an die Abfahrt nach La Punt bis Zernez noch zusammen zu arbeiten. (Randnotiz: In diesem Jahr, im dritten Versuch komme ich ohne Einbrüche auf der Passhöhe des Albula an, habe die gleiche Leistung wie am Flüela noch durchtreten können und mit 1:27h den Berg das erste Mal „würdevoll“ passiert.) Hochzufrieden, stolz wie Oskar und voll motiviert geht es in die Abfahrt nach La Punt. Nun nochmal Kopf an und Vernunft walten lassen.

Spital statt Finishline: Zügig, aber kontrolliert vernünftig fahre ich bis nach La Punt ab, fast jedenfalls. Ein paar wenige Kurven oberhalb von La Punt nimmt dieses Rennen für mich ein jähes Ende. Vor einer leichten Linkskurve verliere ich am Bremspunkt die Kontrolle über mein Rad. Warum, das weiß ich nicht genau. (Verdacht: Reifenplatzer hinten.) Jedenfalls passt irgendwann meine Geschwindigkeit nicht mehr zum Kurvenradius und ich schlage gnadenlos mit ca. 50-55 km/h in die Straßenbegrenzung aus Hartholz und Metall ein. (Dankeschön Strava, für diese schmerzhafte Information.) Von da an geht alles sehr schnell, zumindest in meiner Wahrnehmung: Starke Schmerzen, hilfreiche Rennfahrer, Motorradfahrer, Polizei, Notarzt, Rettungswagen, Spital….

Conclusion

First of all: Mir geht es heute (18.07.) gut: Schlüsselbeinbruch und Sprengung der Schulter sind fachmännisch zusammen geschraubt worden, die meisten Prellungen, Schürf- und Platzwunden fast verheilt und mit etwas Glück bleiben keine dauerhaften Schäden. Ich werde mittelfristig zurückkehren und das RTG unterstützen.

For those who care noch ein paar hard facts: Meine Zieldurchfahrt wäre sich ca. auf 7:05h ausgegangen, womit ich in etwa 30. Overall gewesen wäre. Ein absolut irres Resultat für mich, da dies eine Verbesserung von 45 Minuten zu 2015 dargestellt hätte.

Für die Strava-Jünger: https://www.strava.com/activities/629786119

Es bleibt in meiner Erinnerung trotz schwerem Sturz ein ganz tolles Rennen. Hochzufrieden mit meiner Leistung, geniales Wetter, was will man mehr ? Unterstützt durch eine Top-Organisation kann ich den Engadin-Radmarathon bedingungslos empfehlen und werde selbst 2017 bestimmt wieder am Start sein.

 

For RTG

Marcel

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